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Marburg Streit um zerstörte Waschmaschinen
Marburg Streit um zerstörte Waschmaschinen
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00:20 12.08.2018
Valeri Hempel zeigt auf die Folgen des Wassereinbruches in den Kellerraum. Regen und Schlamm verdreckten Wände und Waschmaschinen.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Gerade erst eingezogen und jetzt das. Valeri Hempel zeigt auf das Fenster im Keller, das völlig verdreckt ist. Die Wand darunter auch. Auf der Waschmaschine daneben ist eine Schicht getrockneter Schlamm, an den Wänden sieht man, wie hoch das Wasser mal stand.

Bei den Unwettern im Mai lief das Regenwasser sintflutartig in den Gemeinschaftsraum im Haus an der Sudetenstraße 42b. Am Hang gebaut, rauschten Wasser- und Schlammmassen in die Tiefgarage, die Kellerräume und in die Waschküche. Knöchelhoch stand das Wasser, alle Waschmaschinen verdreckten, einige bekamen einen Kurzschluss, genau wie der Fahrstuhl, auf den viele im Haus angewiesen sind.

Bewohner monieren fehlende Gespräche mit der GWH

In die Sozialwohnungen der GWH Wohnungsgesellschaft sind Anfang des Jahres auch viele ältere und gehbehinderte Menschen eingezogen, die nach dem Unwetter an ihre Wohnung gefesselt waren, weil der Fahrstuhl kaputt war.

Die Bewohner sind verärgert und mit den Nerven am Ende. Manche haben Angst, sich öffentlich zu äußern, fürchten ­einen Rausschmiss. Deswegen hat es auch so lange gedauert, bis sie sich an die Ortsvorsteherin Erika Lotz-Halilovic wendeten.Die handelte sofort, unterrichtet auch den SPD-Ortsverein, der sich kürzlich selbst vor Ort einen Eindruck machte. 

„Wie hier mit Menschen, die sich nicht wehren und artikulieren können, umgegangen wird, das finde ich skandalös“, schimpft Bettina Böttcher, ebenfalls Mitglied im Ortsbeirat und der SPD. Sie ist sich sicher: „Wenn hier akademisches Klientel wohnen würde, mit denen wäre anders umgegangen worden.“ Denn bisher gab es laut Valeri Hempel keinerlei Gespräche mit den Anwohnern.

Er bestätigte Begehungen einiger GWH-Mitarbeiter, aber immer ohne die Bewohner. In ­einer schriftlichen Stellungnahme verneint die GWH dies allerdings: „Es gab sowohl in der Schadensnacht als auch in den Tagen danach immer wieder Gespräche mit betroffenen Mietern. Der zuständige Hausmeister und das Team der GWH in Marburg waren stets ansprechbar“, antwortet Dirk Weber, Leiter Wohnungsbewirtschaftung Mittelhessen, der erst seit Anfang des Monats im Dienst ist.

Auf den Ausfall des Aufzuges angesprochen informierte er, dass in der 42b der Aufzug nur kurzfristig außer Betrieb gewesen sei und die Ersatzteillieferung für den Aufzug in der 42a länger als geplant gedauert hätte. „Der Auftrag zur Reparatur wurde aber unmittelbar nach dem Schaden erteilt“, betonte Dirk Weber.

Versicherten-Bund hat keine guten Nachrichten

Im Juli hatte die GWH die Bewohner in einem Brief darüber informiert, dass sie keinerlei Schadenersatz für die Geräte in dem Gemeinschaftsraum und den Kellerräumen übernehmen werden: „Für entstandene Schäden an ihren Privatgegenständen tritt ihre abgeschlossene Hausratversicherung mit der Ergänzungsvereinbarung über Elementarschäden ein.“

Für die Anwohner völlig unverständlich, aus Vermietersicht aber völlig rechtens. „Die Mietverträge samt der Anlagen weisen eindeutig darauf hin, dass Kellerräume „Feuchträume“ sind und jeder Mieter mit Einzug eine entsprechende Hausratversicherung abschließen soll“, erklärt Dirk Weber.

Und auch der Bund der Versicherten hat keine guten Nachrichten für die Mieter der Sudetenstraße: „War es tatsächlich ­eine Überschwemmung, die beispielsweise infolge von Witterungsniederschlägen (etwa­ Starkregen) entstanden ist, wäre der Schaden in der Regel durch eine Elementarschadenversicherung (als Zusatz zur Hausratversicherung der Mieter) abgedeckt“, schreibt dieser auf OP-Anfrage.

Er rät generell zu einer Elementarschadenversicherung, wenn man in einem entsprechend gefährdeten Gebiet wohnt. „Zudem sollten grundsätzlich nur existenzielle Risiken abgesichert werden, deren Folgen also im schlimmsten Fall zum wirtschaftlichen Ruin führen würden oder eine nicht tragbare finanzielle Belastung bedeuten würden“, schreibt er weiter.

GWH zahlte in unterschiedlicher Höhe

Auf jeden Fall hat die GWH gehandelt, damit so ein Wassereinbruch nicht noch einmal passiert. Dirk Weber: „Gemeinsam mit den Fachplanern und der ausführenden Firma wurde­ die bauliche Planung auf die Starkregenereignisse übertragen und angepasst. Es werden derzeit zusätzliche Abläufe und Wasserführungen installiert.“ Im Grundstücksteil über dem Gebäude, also direkt am Hang, wurden bereits größere Betonpalisaden gesetzt, die das Regenwasser zukünftig aufhalten sollen.

„Für Menschen, die auf einen Wohnberechtigungsschein angewiesen sind und erst kürzlich einen Umzug finanziell stemmen mussten, ist der Kauf ­einer neuen Waschmaschine fast ­unmöglich“ ist sich Erika Lotz-Halilovic sicher. Valeri Hempel wäscht seine Wäsche seit Wochen mit der Hand oder muss zu seiner Tochter gehen. Kein Dauerzustand. Eine neue Maschine ist für ihn, wie für viele­ andere Bewohner, finanziell nicht drin.

Trotz der Mitteilung der GWH, dass sie keinen Schadenersatz übernimmt, flossen bereits Zahlungen an einige Mieter. Zwischen 100 und über 300 Euro überwies die Gesellschaft. „Die GWH wollte in diesen Fällen den betroffenen Mietern kurzfristig und unbürokratisch helfen“, so Dirk Weber in der Stellungnahme.

Auf welcher Grundlage die Zahlungshöhe zustande kam, das können sich die Anwohner allerdings nicht erklären, da es nach ihren Aussagen ja keine Gespräche gab, auch wenn die GWH etwas anderes sagt.