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Marburg Vorwurf: 460.000 Euro Steuern hinterzogen
Marburg Vorwurf: 460.000 Euro Steuern hinterzogen
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00:16 27.02.2019
Scheinrechnungen, Schwarzgeld und Steuerhinterziehung: Dafür stehen ein Mann und seine Komplizin vor Gericht.  Quelle: Jens Wolf
Marburg

Der Steuerberater, der sich dem 58-jährigen Beschuldigten im Jahr 2014 annahm, ist ein Veteran seines Fachs. Dennoch musste er eingestehen: „Ich habe in meinen 40 Jahren im Job schon einiges gesehen, aber so einen Fall hatte ich noch nie.“ Die Erkenntnisse, die sich ihm in seinen Beratungstätigkeiten offenbarten, betitelte er als ein „völlig krankes System“.

Mit diesem Titel meinte der 64-Jährige nicht den Umstand, dass das Unternehmen seines Mandanten nicht über eine umfassende Dokumentation seiner Ausgaben und Einnahmen verfügte, sondern die Praktik der Steuerabwicklung. Das volle Ausmaß des Schlamassels wurde dem Mann aus dem Frankfurter Raum erst klar, als er der in Marburg lagernden Akten habhaft wurde, die in den Geschäftsräumen eines 61-jährigen Marburgers aufbewahrt wurden. Dieser war ebenfalls in die Strafsache verwickelt, ist mittlerweile jedoch verstorben. Sein Unternehmen vermittelte dem Beschuldigten Fremdleistungen und kümmerte sich um dessen Buchhaltung.

Ob er Kenntnis über den Verbleib der Betriebsunterlagen des Angeklagten habe, wollte Richterin Beate Mengel wissen. „Es wurde mir von einem Wasserschaden berichtet, in dem die Unterlagen vernichtet wurden. Das habe ich auch nicht infrage gestellt, weil ich die Rechnungen meines Mandanten wegen des Schadens gesehen habe“, antwortete der Finanzwirt. Die in Marburg gesicherten Akten nahm er an sich und prüfte sie.

Ausgestellte Rechnungen waren Scheinrechnungen

„Die an meinen Mandanten ausgestellten Rechnungen waren Scheinrechnungen. Daraufhin habe ich ihm gesagt, dass wir jetzt ein Riesenproblem haben“, unterstrich der 64-Jährige und fügte hinzu: „Mein Eindruck war, dass er nicht wusste und überrascht war, dass das illegal ist. Er berichtete auch, dass dieses Vorgehen nicht seine Idee war.“ Die sei auf dem Mist des 61-Jährigen gewachsen.

Dem Finanzwirt wurde klar, dass die vom Unternehmen seines Mandanten in Anspruch genommenen Fremdleistungen niemals die angegebene Höhe gehabt haben könnten. Das Konto des Beschuldigten befand sich zeitweise mit 500.000 Euro im Dispo.

Drei Firmen, von denen das Reinigungsunternehmen angeblich Leistungen in Anspruch nahm, existierten zum damaligen Zeitpunkt überhaupt nicht. Nach Einsicht der Bewegungen auf den Konten seines Mandanten kam der Steuerberater zu dem Schluss, dass diese in bar bezahlt wurden – so sei die Lohnsteuer umgangen worden.

Steuerschaden in Höhe von 460.000 Euro

Der Finanzwirt beschrieb das „völlig kranke System“ weiter: Sein Mandant führte die Umsatzsteuer seines Unternehmens nicht ab, sondern verließ sich darauf, dass dies vom Marburger Unternehmer erledigt würde. Dieses wirtschaftete den ans Finanzamt abzuführenden Prozentsatz jedoch in die eigene Tasche.

Pro Scheinrechnung wurde nämlich eine Provision von 15 Prozent fällig. „So entsteht natürlich ein System, bei dem Interesse daran besteht, dass möglichst viele angebliche Rechnungen ausgestellt werden“, erklärte der Steuerberater.
Für das Ausstellen dieser Scheinrechnungen muss sich eine 52-jährige Frau verantworten, die für das Marburger Unternehmen tätig war. Sie war es auch, die für den Mitangeklagten die Buchhaltung erledigte. Insgesamt soll ein Steuerschaden in Höhe von 460.000 Euro entstanden sein.

Der Prozess wird fortgesetzt.

von Benjamin Kaiser