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Marburg Stephanie Theiss bringt Kritiker zusammen
Marburg Stephanie Theiss bringt Kritiker zusammen
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19:31 25.05.2018
Jetzt spricht Weidenhausen bei der Kritik an den Umbauplänen zum „Grüner Wehr“ mit einer Stimme: Der Vize-Ortsvorsteherin Stephanie Theiss ist es kurz vor dem Wehr-Workshop gelungen, im Ortsbeirat eine Resolution verabschieden zu lassen, die auch die weitgehende Zustimmung der Bürgerinitiative findet.  Quelle: Björn Wisker
Marburg

Oberhalb einer Lahn-Insel, wo gerade eine Studentin eine Hängematte zwischen zwei Bäumen spannt und sich eine Gruppe junger Männer zuprostet, steht Stephanie Theiss. Während sie sich von der Uferpromenade einen Weg den Abhang hinab an den Fluss bahnt, rauscht vor ihr das Wasser die Wehranlage hinab. Ein friedliches, fröhliches Bild – eines, das im Gegensatz steht zu dem seit Monaten tobenden Streit um die zukünftige Gestaltung des „Grüner Wehr“ und des Uferbereichs. Betonbauweise und Baumfällungen, Kanu-Rutsche und Party-Podest: Das Vorhaben des Magistrats löst bei vielen Weidenhäusern Wut und somit Ablehnung aus.

Theiss: Ohne den Aufstand der Bürger wäre das Ding schon durch

„Mich stört das Absolute, das Erheben von Maximalforderungen ebenso wie uneinsichtiges Abblocken. So löst man keinen Konflikt, nicht im Privaten, nicht im ­Politischen“, sagt Theiss. Die 29-Jährige hat sich in den vergangenen Wehrdebatten-Wochen zu einer Moderatorin zwischen Weidenhäusern auf der einen und der Stadtverwaltung auf der anderen Seite aufgeschwungen.

Es war die Grünen-Politikerin Theiss, die das in Kommunalpolitik, Magistrat und Bauamt kritisierte Positionspapier von SPD-Ortsvorsteher Wolfgang Grundmann kassierte, Kritikpunkte spezifizierte und gleichsam offener, diskussionsbereiter umformulierte. Mit der von ihr angestoßenen, zusammen mit Tomas Schneider (Grüne) und Martin Gronau (Linke) eingebrachten und in der vergangenen Woche beschlossenen Resolution, hat sie den weitgehenden Konsens im Stadtteil hergestellt. Sie sorgt somit dafür, dass Weidenhausen – Bürger und Vor-Ort-Politiker des Ortsbeirats – im Vorfeld des anstehenden Wehr-Workshops mit einer Stimme sprechen.

Flankiert wird die Resolution von einer Unterschriftenliste, die eine­ neben dem Ortsbeirat agierende Bürgerinitiative initiierte. Was nach langweiligen Formalitäten klingt, ist für den weiteren Fortgang des Bauprojekts mitentscheidend: Denn Stellungnahmen, Einschätzungen der Ortsbeiräte sind ein wesentliches Kriterium für die Umsetzung von Projekten. „All den Einwänden ist jetzt das größtmögliche Gewicht gegeben worden: Weidenhausen positioniert sich deutlich ohne radikal zu sein“, sagt die im Bad Endbacher Ortsteil Günterod aufgewachsene Theiss.

Genau das war das Ziel der Vize-Ortsbeiratschefin: Die Vielstimmigkeit der Projektkritiker – zu denen sie vor allem wegen des geplanten Podests und der Fällung von Bäumen am Ufer ebenfalls zählt – zu bündeln und gleichsam auch in Richtung Stadtverwaltung zu vermitteln. „Es ist an der Zeit gewesen, etwas Ordnung in das Chaos zu bringen.“ Man dürfe emotional, wütend sein, „aber es ist ein Punkt gekommen, wo Vernunft reinkommen muss“. Sie plädiert deshalb dafür, „die Expertise von Fachleuten zuzulassen, zuzuhören und nicht schon vorab in der Kritik all zu grundsätzlich zu werden“. 

Die Geschichtsstudentin, die 2014 bei den Grünen eintrat und zwei Jahre später in den Ortsbeirat gewählt wurde, fühlt sich in Weidenhausen „angekommen und aufgehoben“. Es sei „so ein reizender Stadtteil, ein Dorf in der Innenstadt, wo man sich tatsächlich kennt, miteinander spricht und nicht nur aus Höflichkeit grüßt“, sagt Theiss, die für die Grünen auch im Kreistag sitzt. Ihr politisches Interesse ist in der Jugend, mit 16, 17 Jahren ausgelöst worden. Doch nicht – wie so oft in der Biografie junger Menschen – durch den Blick auf Kriege, Krisen und Elend, sondern wegen Wirtschaftszusammenhängen, wegen Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA. Schwere Kost für eine Jugendliche.

Aber, getreu der Ansicht, dass Wirtschaft und Arbeit die Lebensweise der Menschen bestimmen, löste der Freihandel in ihr eine Protesthaltung aus. Sie wollte etwas dagegen unternehmen, sich engagieren, verglich Parteiprogramme – und ordnete sich bei den Grünen ein. „Die SPD ist inhaltlich genauso alt wie an Lebensjahren und die Linke ist mir zu dogmatisch.“ Von den großen internationalen Fragen ist sie bei Radweg-Verläufen, Hundekot oder eben Bauvorhaben zwischen Lahnterrassen und Sommerbad in Weidenhausen angelangt. „Es macht Spaß, direkt vor Ort etwas zu bewirken, den Mitmenschen bei konkreten Problemen helfen zu können.“

Bei allem Ausgleich scheut Theiss nicht den Konflikt. So wie an jenem Abend im Februar, als Bürgermeister und Bauamt bei der Ortsbeiratssitzung Dutzenden Weidenhäusern die Wehr-Projektpräsentation und die Bürgerbeteiligung als ohnehin geplant verkaufen wollten. Theiss schnitt ihnen das Wort ab. „Ohne den Aufstand der Bürger wäre das Ding schon durch, stünden alle vor vollendeten Tatsachen“, sagte sie.

Drei Monate später, wenige ­Tage vor dem Wehr-Workshop ist sich Theiss aber nicht sicher, ob sich an den Fakten tatsächlich etwas ändern wird. „Diese Veranstaltung ist ja nur eine Reaktion auf den Aufstand. Die Stadtverwaltung sitzt in den Nesseln und sie muss den Bürgern eben irgendetwas anbieten.“

Aber werden die Planer, wie es sich zwischenzeitlich abzeichnete, irgendwann ab nächster Woche auf die Kanu-Rutsche verzichten? Das eventuell zur Partyzone mutierende Podest nicht bauen? Die Bäume am Lahnufer stehen lassen? Die Anlage gar gänzlich neu begutachten, das Wehr nur flicken, minimal sanieren statt es neu bauen lassen? „Da habe ich erhebliche Zweifel.“ Denn die Gestaltung des Workshops – und die Tatsache, dass nur eine statt mehrerer vertiefender Termine­ angesetzt sind – deute nicht auf die von den Weidenhäusern auch in der Resolution geforderte Ergebnisoffenheit hin. Eine Befürchtung, die Theiss mit der Bürgerinitiative teilt.

Ohnehin ist es zur Zeit schwer, die Wehrumbau-Gegner in Politik oder BI einzuordnen. An jenem Aprilabend, als Wolfgang Grundmann mit seinem Positionspapier im Gremium scheiterte und die BI-Geburtsstunde angebrochen war, sind in Weidenhausen Parallelstrukturen entstanden. Inhaltlich trennt die Kritiker wenig, nun ist – vor allem wegen Stephanie Theiss‘ Vermittlungsversuch – auch der Ton angeglichen worden.

von Björn Wisker