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Marburg Stadtwald: Einwände, aber kein Protest
Marburg Stadtwald: Einwände, aber kein Protest
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00:20 01.09.2018
Ein mögliches Wohngebiet für 900 Neu-Bewohner könnte am Hasenkopf entstehen – auch als Lückenschluss von Stadtwald und Ockershausen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Als plötzlich ein großer Vogel über der ­Wiese schwebt, die zu Marburgs ­neuestem Wohngebiet werden könnte, kommen bei vielen der rund 150 Ockershäuser Erinnerungen, bei der Stadtspitze wohl eher Befürchtungen hoch: Kreist da wieder so ein Rotmilan, der in Moischt Windräder verhindert hat, und kann dem Greifvogel das auch bei einem Wohngebiet gelingen?

Immerhin steht der Naturschutz, zumindest der Erhalt des Landschaftsbilds, auf dem Bergkamm zwischen Cyriax­weimar und Kern-Ockershausen beim Stadtteil-Spaziergang im Mittelpunkt der Anwohnersorgen. „Wenn dieses ruhige Erholungsgebiet verloren geht, wäre das tragisch“, sagt Peter Unseld. Das Gebiet rund um den Hasenkopf sei „einer der schönsten Aussichtspunkte der Stadt“, der Blick in die Ferne drohe durch den Bau von 
350 Wohnungen, die laut Planungen Platz für bis zu 900 Neu-Bewohner bieten sollen, „verstellt und zerstört“ zu werden, ergänzt Christine Wächter. „Die Gegend wird ihren Charakter verlieren.“

Bastian spricht sich gegen Stigmatisierung aus

Stadtplaner Reinhold Kulle erklärte, dass es auf der Fläche nicht ausschließlich Geschossbau – maximal vier ­Stockwerke sind dafür vorgesehen –, sondern einen Mix mit Mehrfamilienhäusern geben solle. Zudem sei ein großflächiger Grün- und Frischluftschneisenerhalt ebenso geplant wie direkte Zugänge zu den Pfaden in Natur und in Richtung des Bestand-Stadtteils.

Einer Satellitensiedlung erteilten Kulle und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) Absagen: Der Hasenkopf ­solle kein „Randgebiet für Sozial­fälle“, sondern eine „Einheit mit dem immer schon wachsenden Stadtwald“, den Konversionsflächen der Tannenberg-
Kaserne, werden. Ein Punkt, der 
für eine ­Pro-Bebauungs-Gruppe im Stadtwald, etwa um Linken-Stadtverordnete Renate ­Bastian, wichtig ist: „Es muss alles für ­eine Verschmelzung und ­gegen eine Stigmatisierung getan ­werden. Das geht schon bei der Wahl der Baumaterialien, der Bauweise, der Optik los“, sagt sie und erntet den Applaus vieler Teilnehmer.

Anwohner berichtet von Rückstau zu Stoßzeiten

Das Thema Auto-Verkehrsbelastung war im Stadtwald zwar weit weniger debattenprägend als in der Vorwoche in der Marbach, kam aber in Bezug auf die Belastbarkeit von Bewohnern der Graf-von-Staufen­berg-Straße und Hermann­straße auch zur Sprache. „Wir reden bei der Dimension dieses Wohngebiets ja von einer ­regelrechten Bewohnerzahl-
Explosion im Stadtwald. Dass es nicht aus dem Ruder läuft, dafür muss bestens vorgeplant werden“, sagt Gerhard Schmidt.

Andere nahmen die Auswirkungen eines Wohngebiets auf das tieferliegende Kern-Ockers­hausen, speziell die Ockers­häuser Allee, in den Blick. Dort, so schildern es Anwohner, herrsche zu Stoßzeiten schon Rückstau, was sich nach dem Bezug der 75 neuen Apartments auf dem SKV-Gelände ­verschärfen werde. Und dann noch 
350 weitere Wohnungen, mehr Verkehrsteilnehmer, die vom Bergkamm über die Hermannstraße kommen? „Dann ist die Verstopfung perfekt“, wie ein Anwohner sagt.

Rund 150 Marburger nahmen die Bürgerbeteiligung wahr. Foto: Björn Wisker

Und die Nutzung des Nahverkehrs oder Fahrrads, für die vor allem die Stadtspitze wirbt? Die Bus­anbindung sei aktuell schon nicht ausreichend, für eine Verbesserung müsse „von der Stadt Geld in die Hand genommen werden“, rufen verschiedene Bürgerbeteiligungs-Teilnehmer aus der Menge. „Radfahren? Niemand hier wird seine Kinder mit dem Rad über die steilen Bergstraßen zur Schule schicken. Die sind nur von Sportlern zu bewältigen, da hilft das ewige Gerede von Pedelcs und E-Bikes auch nichts.

Das wird in Marburg, schon gar nicht in den äußeren Gebieten, auf den Vierteln auf den Bergen zu keinem Massenverkehrsmittel“, sagt ein Anwohner. Wolfgang Schuch, ADFC-Vertreter, entgegnet: „Die Topografie ist kein Hindernis, die Wegeführung ist es.“ Der OB kündigte einen Radwegbau durch den „Heiligen Grund“ an.

Anwohnern geht es eher um das Wie der Bebauung

Beim ÖPNV verweisen Spies und Kulle auf die „großen Chancen“, die sich durch einen Bewohnerzuwachs ergeben. Neue Haltestellen, schnellere Taktung – zudem stehe eine grundsätzliche Infrastruktur-Verbesserung, etwa die Einrichtung einer ­Kita, eventuell gar einer Schule an. „Wenn mit vielen neuen Menschen auch viele neue Möglichkeiten entstehen, ist das doch für die Allgemeinheit eine gute Sache“, sagt Peter Schneider.

Ohnehin schien es einem Großteil der Teilnehmer eher um das Wie, um konkrete Umsetzungen der Wohnviertel-
Errichtung, um Gestaltungs­fragen, und weniger um das Ob der Bebauung zu gehen – ein großer Unterschied zum Marbach-Spaziergang aus der Vorwoche. Ex-Kommunalpolitiker Reinhold Drusel verweist indes weiterhin auf eine mögliche Keltensiedlung am Hasenkopf. Der Aspekt möglicher steinzeitlicher Funde sei von der Stadt­planung bereits aufgegriffen worden. Kommende bodenarchäologische Untersuchungen seien laut Kulle nicht auszuschließen; er zweifelt aber daran, dass das „in Bezug auf den Zeitplan tatsächlich relevant wird“.

Weitere Wohngegend-Diskussion: Sitzung des Ortsbeirats Ockershausen am Dienstag, 4. September, 19.30 Uhr in der „Alten Schule“.

von Björn Wisker