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Marburg Abstimmung über Pohlheim-Outlet geplatzt
Marburg Abstimmung über Pohlheim-Outlet geplatzt
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00:17 25.08.2018
Wahlhelfer leerten am Sonntagabend die Stimmzettel aus: Nur gut 24 Prozent der Pohlheimer hatten sich an der Abstimmung beteiligt – damit war das Quorum verfehlt worden.  Quelle: Häuser
Pohlheim

Es war kurz nach 19 Uhr am Sonntag, als Pohlheims Bürgermeister Udo Schöffmann das Foyer der Volkshalle in Watzenborn-Steinberg betrat. „Ich muss Ihnen sagen, das gesetzliche Quorum von 25 Prozent ist nicht erreicht“, sagte Schöffmann.

Ein lautes Raunen erklang, als der Bürgermeister erklärte, dass 24,26 Prozent der Wahlberechtigten in Pohlheim gegen das Outlet gestimmt haben. Ganze 104 Stimmen fehlten somit den Gegnern des geplanten Outlets, um das Großprojekt zu stoppen.

Dass sich eine Mehrheit von 54,9 Prozent der 6 212 Pohl­heimer, die am Sonntag ihr ­Votum abgegeben hat, gegen das Outlet ausgesprochen hat, reicht nicht. Nüchtern erklärte Schöffmann derweil im Foyer: „Somit haben es nun wieder die Stadtverordneten in der Hand.“

Sprachlos gingen die Anhänger der Bürgerinitiative (BI) Garbenteich nach draußen. Die so hauchdünne Niederlage war auch für den Vorsitzenden Olaf Bappert niederschmetternd.

Schöffmann bezeichnete das hauchdünne Ergebnis bereits vor dem Bürgerentscheid als „den schlimmsten Fall“. Denn die BI könne dann behaupten, die Mehrheit der Bürger wolle­ das Outlet nicht.

Das stimme aber nicht. „Nein, die Mehrheit hat dann gesagt, dass es ihnen egal ist und sie lieber daheim bleibt.“ Er mache sich auf Protest der Outlet-Gegner gefasst: „Die Schlammschlacht kommt erst noch.“

Der Bürgerentscheid war nur die erste Hürde, die das Outlet-Projekt zu nehmen hatte. Dies betont auch Sebastian Sommer, Deutschland-Chef des Outlet-Investors Neinver. Er sei davon ausgegangen, dass das Quorum erreicht werde. Nun sei auch die Zeit zu kommunizieren und zu informieren, betonte Sommer.

Das Pohlheimer Stadtparlament wird sich vermutlich in der Sitzung am 20. September wieder mit dem Thema Outlet-Center beschäftigen. Der nächste Schritt wären dann Gutachten in den Bereichen Verträglichkeit, Umwelt und Verkehr, die die Stadt in Auftrag geben wird.

Stadt Marburg sieht Klage noch nicht als Option

Und was sagt die Stadt Marburg zu dem Thema? „Die mittelhessischen Oberzentren Gießen, Wetzlar und Marburg treten in dieser Frage geschlossen auf. Alle drei Oberzentren haben sich gegen Planung und Bau eines Outlet-Centers in Pohlheim mehrfach ausgesprochen“, so Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies.

Ein Einzelhandel in der Größe eines Outlets müsse wenn in einem Oberzentrum angesiedelt werden, und das sei die Kommune Pohlheim nicht. Zugleich hätten die weiteren Oberzentren in der Region kein Interesse. „Wir gehen davon aus, dass Pohlheim die erforderliche Abweichung vom Regionalplan für ein Outlet-Center auch nicht erreichen wird.

Da das eigentliche Verfahren noch gar nicht begonnen hat, steht auch eine Klage derzeit nicht zur Diskussion. Darin sind wir uns mit den anderen beteiligten Kommunen einig und in enger Abstimmung“, so Spies.

Die IHK Kassel-Marburg ­bedauert, dass der Bürgerentscheid geplatzt ist. „Es wäre schön gewesen, wenn es hier zu einer klaren Aussage der Bürger gekommen wäre“, sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Oskar Edelmann. Jetzt liege der Ball wieder im Feld der Politik, die ihrer politischen Verantwortung nachkommen müsse.

Für Edelmann ist klar: „Ein nahegelegenes Outlet-Center birgt selbstverständlich das Risiko, dass Kaufkraft aus der Region abgezogen und so der lokale Einzelhandel und in der Folge die Innenstadt geschwächt wird.

Über das mögliche Ausmaß lässt sich derzeit nur spekulieren.“
Dieses Risiko treffe auf einen heimischen Einzelhandel, „der bereits heute einer Vielzahl von Herausforderungen ausgesetzt ist. Die Anteile des stationären Einzelhandels an den Konsumausgaben sinken, die Bevölkerungsentwicklung ist rückläufig“, verdeutlicht er.

IHK: Abbau von Parkraum 
in Marburg beenden

Eine ebenso große Gefahr für den stationären Einzelhandel gehe mit der eingeschränkten Erreichbarkeit der Marburger Innenstadt einher. „Aus diesem Grund fordert die IHK seit Jahren von der Kommunalpolitik, den Abbau von öffentlichem Parkraum zu beenden und wieder mehr Parkplätze in zentraler Innenstadtlage zu schaffen.

Marburg hat als Einkaufsstadt ein großes Potenzial; dieses muss allerdings auch für Besucher, die mit dem Auto anreisen, nutzbar gemacht werden“, so Oskar Edelmann. Eine weitere, nicht zu unterschätzende Herausforderung für lokale Einzelhändler sei der digitale Wandel. „Das Verkaufen und Kaufen ändert sich – darauf gilt es zu reagieren.

Überlebenswichtig ist es, Online- und Off­line-Formate intelligent zu verzahnen – und dem Kunden das zu geben, was er sucht: Erlebnisse.“ Ob digital oder analog: Die Aufgabe laute, jeweils passende Erlebniswelten zu schaffen, gute Produkte zu haben und die Marke zu pflegen. Edelmann konkretisiert: „Beispielsweise durch eine besonders anziehende Inszenierung oder eine qualitativ hochwertige Beratung.

Gelingt das den Unternehmen, bestehen sie nicht nur im Wettbewerb mit den Online-Angeboten. Sie stärken damit auch ihr Ladengeschäft.“
Das Flanieren durch die historischen Gassen werde dann nicht nur zum Aufenthaltserlebnis, sondern auch zum Shoppingerlebnis „und für Marburg ein Alleinstellungsmerkmal, um das uns andere beneiden.

Damit entfällt für die Konsumenten ein wichtiger Anreiz, in einem viele Kilometer entfernten Outlet-Center ihre Besorgungen zu erledigen“. Sporadische Shoppingausflüge dorthin seien dann für Marburg eher verkraftbar „und der Löwenanteil der regionalen Kaufkraft sollte weiterhin hier verbleiben“.

Wichtig sei, dass jeder selbst einen Beitrag leisten könne, durch das Einkaufen vor Ort sein ­Lebensumfeld positiv mitzugestalten. „Um genau darauf aufmerksam zu machen, haben Stadtmarketing und IHK im vergangenen Jahr, zusammen mit weiteren Partnern, die Aktion ,Heimat shoppen‘ ins Leben ­gerufen“, so Edelmann. Zur Neuauflage komme es am 7. und 8. September.

Sollten die Pohlheimer Stadtverordneten eine Entscheidung pro Outlet treffen, werde die IHK Kassel-Marburg „im Rahmen der Bauleitplanung in enger Abstimmung mit den ebenfalls betroffenen IHKs Gießen-Friedberg und Lahn-Dill die Positionen und Meinungen der hiesigen Wirtschaft einbringen, um mögliche negative Auswirkungen auf die Wirtschaft unserer Region möglichst klein zu halten.“     

von Stefan Schaal
 und Andreas Schmidt