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Spöttisch, kurzweilig und moralisch

Premiere in Rauischholzhausen Spöttisch, kurzweilig und moralisch

Wenn der Beifall das Brot des Schauspielers ist, konnte das Ensemble des Hessischen Landestheaters am Samstagabend nach der Premiere des „Jedermann“ gut gesättigt ins Bett fallen. Das Publikum war von Peter Radestocks üppiger Inszenierung begeistert.

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Jedermann (Manfred Gorr) bekommt Zweifel an seinem Lebenswandel.

Quelle: Hessisches Landestheater Marburg

Rauischholzhausen. Die Botschaft des Jedermann ist simpel: Was wäre, wenn du jetzt gleich eine Bilanz deines Lebens aufstellen solltest? Könntest du mit dir zufrieden deinen letzten Atemzug nehmen?

Als Gott den Tod zum Jedermann schickt, um den reichen, hartherzigen Mann zu holen, gerät der in Panik und ahnt bald, dass nur ein gutes Gewissen ihm seinen letzten Gang erleichtern könnte. Alle anderen verlassen ihn, als der Tod nach ihm ruft. Seine Freundin, die Buhlschaft, sein guter Gesell, seine Vettern und die ganze Gästeschar nehmen kreischend Reißaus, als Jedermann während des Maskenballs verzweifelt nach Wegbegleitern sucht.

Spöttisch, kurzweilig und zutiefst moralisch inszenierte Radestock den Klassiker, den Hugo von Hofmannsthal 1911 vollendete. Gott spielt Radestock gleich selbst: Lässig, cool, Zigarre rauchend wie ein Mafia-Boss. Ein kopfloser Körper wird unter ihm auf ein Tuch gemalt abgerollt. Es entsteht der grotesker Eindruck eines Mannes mit winzigem Haupt, der über Lautsprecher mit weit hallender Stimme spricht. Das sieht schon sehr nach Papst und Petersdom aus.

Manfred Gorr, den Marburgern bisher als Gastregisseur gut bekannt, spielt den Jedermann mit großer Ernsthaftigkeit. Der Wandel vom arroganten Lebemann, der sich einen Dreck um seine Mutter, seinen Schuldner und seinen verarmten Nachbarn schert, zum von Reue gepeinigten Melancholiker gelingt ihm hervorragend. Um so oberflächlicher stechen Jedermanns falsche Freunde heraus, die Axel Pfefferkorn als Ausstatter in herrliche Kostüme gesteckt, grell geschminkt und mit hochaufgetürmten Frisuren bedacht hat. Er und Radestock bedienen sich unbefangen in ein paar Jahrhunderten Historie, um Jedermanns Geschichte auf den Punkt zu bringen.

Zu Hofmannsthals mittelalterlich klingenden Reimen spielt vom Band Renaissance-Musik, und Franziska Knetsch darf als Buhlschaft mit weit ausladendem Dekollete „Big Spender“ aus dem Musical „Sweet Charity“ (1966) live singen.

Weitere Aufführungen: 22. und 23., 29. und 30. Juni, 1. bis 4. Juli, 6., 7. und 8. Juli sowie am 10. und 11. Juli. Karten gibt‘s im Vorverkauf in der Stadthalle und im Internet: hlth.de

von Christine Krauskopf

Mehr dazu lesen Sie in der Montagsausgabe der OP.

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