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Marburg Soziologe warnt vor Panikmache
Marburg Soziologe warnt vor Panikmache
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00:17 10.10.2018
Hungerhilfe im Kriegsgebiet: Somalische Frauen warten im Jahr 2011 auf die Verteilung von Lebensmitteln in Mogadischu. Quelle: Dai Kurokawa
Marburg

Es gibt immer mehr Armut und Hungersnöte auf der Welt, ganz zu schweigen von mehr militärischen Konflikten und einer stetig ansteigenden Zahl von Gewalttaten. Diese Darstellung scheint auf den ersten Blick gesehen einem gesellschaftlichen Konsens zu entsprechen. Doch weit gefehlt: Der Marburger Soziologie-Professor Martin Schröder erhebt vehement Einspruch.

„Noch nie hat ein so großer Teil der Menschheit ein so langes, sicheres und zufriedenes Leben geführt wie heute. Noch nie lief so wenig schief auf der Welt“, schreibt er in seinem jetzt erschienenen populärwissenschaftlichen Buch mit dem programmatischen Titel „Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden“.

Und er bleibt bei seiner Grundthese, auch wenn sie angesichts von Krieg in Syrien, Hunger in Afrika und zunehmender Ungleichheit in eigentlich reichen Ländern „bestenfalls ignorant oder zynisch, schlimmstenfalls unanständig“ wirke, wie der Marburger Soziologe eingesteht. Aber auf der Basis einer Fülle von empirischen Daten aus Datenbanken öffentlich finanzierter Forschungsinstitutionen will er belegen, „dass wir die Lage der Welt negativer einschätzen, als es objektiv zu rechtfertigen ist“.
Die „Schwarzmalerei“ habe Tradition, so Schröder (Foto: Christian Stein).

Waldsterben, der Zusammenbruch des weltweiten Computernetzes an der Jahrtausendwende oder der „Untergang des Abendlandes“ Anfang des 20. Jahrhunderts: All dies sei nicht passiert. „Man hätte diese Prognosen getrost ignorieren können, und alles, was man verpasst hätte, wäre lediglich unbegründete Zukunftsangst gewesen“, bilanziert Schröder.

Seit 2013 lehrt der Gesellschaftswissenschaftler Soziologie der Wirtschaft und Arbeit an der Marburger Universität. In seiner Forschungsarbeit untersucht er seit Langem empirisch, wie Gerechtigkeits- und Moralvorstellungen wirtschaftliches und politisches Handeln beeinflussen.

Und in seinen Seminaren mit Marburger Studierenden hat er den Anstoß zu seinem Buch bekommen, wie er im Gespräch mit der OP verriet. Viele Studenten hätten in den Seminaren die Meinung vertreten, dass die Welt von Kriegen und Armut bedroht werde und die Demokratie überall auf der Welt zugrunde gehe. Erst habe er dazu geneigt, dem zuzustimmen, sagt Schröder. Aber dann habe er sich auf die Suche gemacht, das anhand von Daten zu überprüfen. Und sei dann zu
seinem jetzt publizierten Ergebnis gekommen.

„Spektakulärere Risiken werden überschätzt“

Um seine Ansichten zu belegen, zitiert Schröder eine Vielzahl von Studien, diskutiert Fallbeispiele, erläutert Statistiken und illustriert sie durch Grafiken. Dabei zieht
der Soziologe dutzende Indikatoren zu Wohlstand, Demokratie, Gewalt und Lebensqualität heran, um das aus seiner Sicht weit verbreitete Vorurteil zu widerlegen, alles werde immer schlimmer.

„Je seltener Kriege, Hungersnöte oder Fluzeugabstürze sind, umso berichtenswerter wird deswegen jeder einzelne“, meint Schröder. Denn wenn Kriege an sich seltener würden, würde mehr darüber berichtet.

Mitverantwortlich macht Schröder also auch eine „Katastrophenlobby, die mit unserer Angst Geld verdient“. Damit meint er vor allem die Boulevardmedien. Am Beispiel des Themas Terrorgefahr erläutert der Soziologe, was er meint. So stellt Schröder beispielsweise dar, dass es in Westeuropa im Jahr 2015 insgesamt 173 Terrorismus-Opfer und ungefähr 17 000 Verkehrstote gegeben habe. Es sei also 100-mal wahrscheinlicher gewesen, bei einem Verkehrsunfall als bei einem Terroranschlag zu sterben.

Dennoch seien die viel spektakuläreren Terrorakte für die meisten Menschen viel angstbehafteter. Das beruhe auf einer „grundsätzlichen Schwäche unseres Gehirns“, das insgesamt spektakulärere, aber im Gesamtvergleich an sich harmlosere Risiken überschätze.

 „Das heißt aber nicht, dass man nicht auf Warnungen eingehen kann“, gesteht der Autor zu. „Aber zumindest sollte man überlegen, ob diese Warnungen auf guten Daten basieren“. Schröder nimmt sich zunächst die Lage in der Bundesrepublik vor, etwa anhand von Statistiken über Kaufkraft, Kriminalität und Umweltverschmutzung.

Wohlstand und Demokratie nehmen weltweit zu

Im zweiten Teil betrachtet er die Verbreitung von Armut, die Häufigkeit von Kriegen und vieles mehr im globalen Maßstab. Sein Befund ist eindeutig. „Wohlstand, Gesundheit, Frieden, Demokratie, Intelligenz und Zufriedenheit nehmen weltweit zu“, diagnostiziert Schröder. „Sie werden kaum einen Teil der Welt finden, in dem Menschen heute schlechter leben als vor 20, 50 oder 100 Jahren“.

Der Soziologe sieht die Politik und die Medien in der Pflicht, aktuelle Probleme in den längerfristigen, globalen Trend einzuordnen. Er empfiehlt, mehr über Fakten zu berichten und übertriebenen Erwartungen vorzubeugen.

Das Buch: Martin Schröder, „Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden“. Verlag Benevento. 228 Seiten. 20 Euro.

von Manfred Hitzeroth