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Marburg Gedanken sind frei – auch die extremen
Marburg Gedanken sind frei – auch die extremen
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00:17 13.11.2018
Ulrich Wagner ist Sozialpsychologe in Marburg. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Wie stark wirken sich extreme Ansichten, radikale Welt- oder Glaubensvorstellungen der Eltern wirklich auf das spätere Verhalten von Kindern aus und sollte der Staat noch früher präventiv eingreifen?
„Kinder aus gefährdeten Elternhäusern können gefährlich sein, das stimmt – Überzeugungsstile können sich über Generationen fortsetzen, sie müssen es aber nicht“, macht der Marburger Sozialpsychologe­ Ulrich Wagner auf Nachfrage deutlich. Er sieht jedoch auch Lücken bei dem Thema, etwa in der Flüchtlings- und Islamismus-Debatten der letzten Jahre. Diese thematisieren vor allem einen möglichen radikal-religiösen Hintergrund mit potenziellen Auswirkungen auf die Kinder. Bereits im Sommer hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz vor der Gefahr ­einer dschihadistischen Sozialisation von Kindern, die in extremistischen Familien aufwachsen, gewarnt. Das im Zuge der Diskussion, ob die Altersgrenze für Überwachung und Datenspeicherung durch den Verfassungsschutz auf unter 14 Jahre gesenkt werden soll.

Die Forschung weise bei dieser speziellen Art der Extremisierung allerdings Lücken auf, sagt Wagner. Wissenschaftliche Erkenntnisse beziehen sich einerseits auf von Eltern vermittelte Weltbilder, andererseits auf die Entstehung von Gewalttätigkeit generell, bei der die Familie ebenfalls eine Rolle spielt.

Sozialisation in der Schule kann weniger extrem machen

„Ein Hauptfaktor sind immer die Eltern – gewalttätige Menschen kommen aus gewalttätigen Elternhäusern“, sagt Wagner. Das Kind lernt, die eigenen Interessen mit Gewalt durchzusetzen. „Vor diesem Hintergrund finde ich die Warnung vom Verfassungsschutz berechtigt“, meint der Sozialforscher. Doch das Ganze rein auf die Religion zu beschränken greife zu kurz. Ausprägungen von Extremismus gebe es viele, Erziehung und Sozialisation spielen in jedem extremistischen Umfeld eine Rolle – sowohl religiösen wie politischen, rechts wie links, sagt Wagner.

Das muss nicht, kann aber an den Kindern hängenbleiben. Diese­ werden gerade in den ersten Lebensjahren stark von den Eltern geprägt – ab der Schulzeit ändere sich das allerdings. Der Einfluss von Eltern und Familie und damit auch möglichen extremistischen Einstellungen geht dann zurück, wenn das Kind im Alltag, etwa durch die Schule, mehr Kontakt mit anderen Menschen, vor allem mit Gleichaltrigen hat. Das beeinflusse ebenso das Sozialverhalten, das eigene Weltbild. „Kinder werden im Laufe ihrer Entwicklung weniger extrem“, sagt Wagner.

Wagner plädiert für Stärkung der Jugendhilfe

Radikale Sichtweisen anerzogen zu bekommen, sei die eine Seite – diese auch auszuüben, eine ganz andere. Meinungsfreiheit spiele bei dem Thema ebenso eine Rolle: „Extremistische Ansichten sind nicht verboten – die Gedanken sind frei.“  Gerade an diesem Punkt stelle sich die Frage, ob und ab wann der Staat – sollte die Gefahr einer Radikalisierung bestehen – eingreifen darf oder nicht. „Wir reden über Überzeugungen, nicht darüber, dass jemand aktiv wird“, warnt Wagner vor voreiligen Reaktionen oder überzogener Panikmache. Denken heiße nicht Handeln.

Man könne nicht davon ausgehen, dass ein extremistisch erzogenes Kind oder ein radikal denkender Mensch generell, seine vielleicht radikalen Ansichten auch ausübt, mit Gewalt um- oder durchsetzt. In diesem Falle habe der Staat schon allein per Gesetz Handlungsmöglichkeiten. Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, helfe weniger eine neue Altersgrenze als vielmehr Prävention – von der Schule bis zur intensiven Begleitung von gefährdeten Kindern und Eltern, rät Wagner eher zur Stärkung der Jugendhilfe. Es brauche ­„eine Balance zwischen staatlichem Eingreifen und den eigenen Rechten“, so sein Fazit.

von Ina Tannert