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Solider Jahrgang, wenig Funkeln

65. Filmfestival Cannes Solider Jahrgang, wenig Funkeln

Beim Filmfestival von Cannes drohen künftig diplomatische Verwerfungen: Einen Tag nach der Preisverleihung am Pfingstsonntag tritt ein Rauchverbot am Strand der Stadt in Kraft.

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Gewinnt Nicole Kidman als Barbie-Schlampe in „The Paperboy“ den Darstellerpreis des Filmfestivals von Cannes? Sie hat gute Chancen.Foto: EPA/Stephanie Reix

Quelle: Stephane Reix

Cannes. Bis zu 38 Euro muss zahlen, wer sich eine Zigarette anzündet. Was also, wenn ein nikotinsüchtiger Festivalgast seinen Aufpassern entkommen und sich ans Meer verirren sollte?

Vermutlich aber liegt längst eine Ausnahmeregelung vor, denn das Beharrungsvermögen dieses Festivals ist unübertrefflich. Die 65. Ausgabe war ein Paradebeispiel dafür: Veteranen dominierten den Wettbewerb.

Deshalb gilt auch nicht die alte Festivalweisheit, wonach im Zweifelsfall derjenige leer ausgeht, der schon eine Palme hat. Kritikerliebling Michael Haneke darf sich mit seinem anrührenden Liebes- und Sterbedrama „Amour“ durchaus Chancen ausrechnen. Ein Überraschungscoup wäre die Wahl von Leos Carax‘ verrücktem Film „Holy Motors“ über einen Mann, der in verschiedene Identitäten schlüpft und keiner weiß so recht, warum.

Da ist aber auch noch ein anderer Franzose, Jacques Audiard und sein Drama „De Rouille et D‘Os“ über die Liebe zwischen einer körperlich versehrten Frau und einem seelisch verkapselten Mann. Der Film hätte zudem den Vorzug, dass er Kunst und Publikum vereint: In Frankreich ist „Rost und Knochen“ bereits gestartet und hat am Wochenende mehr als eine halbe Million Besucher angelockt. Frankreich, glückliches Kinoland!

Ukrainer drängt sich unter die Palmen-Kandidaten

Gestern schob sich der in Berlin lebende Ukrainer Sergei Loznitsa zwischen die Palmen-Kandidaten. „Im Nebel“ erzählt von drei Männern in weißrussischen Wäldern im Jahr 1942. Das Land ist von den Deutschen besetzt. Jeder muss entscheiden, wo er steht. Das Fatale aber ist: Egal, ob man zum Verräter wird oder Widerstand leistet oder sich herauszuhalten versucht, ob man Moral und Skrupel kennt oder nicht - alle Wege führen in Schuld und Verderben. „In the Fog“ ist konzentriertes, stilles Kino, geprägt von tiefen Einsichten ins menschliche Verhalten.

Preiswürdige Filme gab es also, auch Thomas Vinterbergs Drama „Die Jagd“ wird hoch gehandelt. Cannes 2012 bot einen soliden Wettbewerb, wie ihn sich andere Festivals wünschen würden - und doch sprang der Funke nicht so über wie im Vorjahr, als etwa Lars von Triers „Melancholia“ die Croisette in Aufregung versetzte.

Der angebliche „Nazi-Regisseur“ lieferte allerdings gleich noch einen prächtigen Skandal dazu. Dieses Jahr verpuffte die pünktlich zum Start heraufbeschworene Geschlechterdebatte über die Null-Prozent-Frauenquote unter den 22 Wettbewerbsregisseuren, kaum dass sich die ersten Stars hatten blicken lassen - und die Prominenz drängelte sich auf dem roten Teppich. Am Sonntag wird Audrey Tautou erwartet, Hauptdarstellerin beim Abschlussfilm „Thérèse Desqueyroux“, dessen Regisseur Claude Miller inzwischen gestorben ist. Cannes versteht es, seiner Regiehelden zu gedenken.

Geniale Paarung? Etwas ist schief gelaufen

Bei den Darstellerpreisen hat die Jury um Nanni Moretti die Qual der Wahl. Cannes 2012 war das Jahr der starken Darbietungen. Wie wäre es mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva, dem alten Ehepaar in „Amour“? Oder Mads Mikkelsen als Rufmordopfer in „Die Jagd“? Oder mit Margarethe Tiesel als Sextouristin in „Paradies: Liebe?“ Oder vielleicht sogar mit Nicole Kidman als Barbie-Schlampe in „The Paperboy“?

Gestern stieg „Twilight“-Star Robert Pattinson in „Cosmopolis“ in eine weiße Stretchlimousine: Don DeLillos Roman „Cosmopolis“ handelt von einem eintägigen Höllentrip durch New York, und der kanadische Regisseur David Cronenberg gilt als Experte für surrealen menschlichen Horror. Eine geniale Paarung, so schien‘s, und doch ist etwas schief gelaufen. Jeglicher Straßenlärm wird aus der Limousine des lebensmüden Börsenzockers Eric Packer (Pattinson) ausgeblendet. Draußen wüten die Globalisierungsgegner, Packer hat Sex auf seinen Lederpolstern (auch mit Juliette Binoche), er philosophiert über Geld, verliert Milliarden, wird zum Mörder und will doch nur zum Friseur. Doch wirkt dieser Packer - pardon - wie ein bleicher Untoter in einer fahrenden Gruft. Cronenberg gelingt es nicht, bei diesem Abgesang auf den Kapitalismus Spannung aufzubauen.

Weil nach dem Festival immer auch vor dem Festival ist, wird schon jetzt über mögliche Teilnehmer für 2013 debattiert. Und wer ist da im Gespräch? Niemand anders als Lars von Trier, der an seinem Kunstporno „Nymphomaniac“ mit Charlotte Gainsbourg arbeitet. Stimmt, der Däne ist vom Festival verbannt worden. Im Zweifelsfall aber wird man einen Weg finden, den verlorenen Sohn wieder in die Arme zu schließen. Cannes hasst nun mal nichts so sehr wie Veränderungen.

von Stefan Stosch

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