Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg So läuft eine Entschärfung
Marburg So läuft eine Entschärfung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:01 11.03.2018
Da is das Ding! Kampfmittelräumer Martin Hirschhäuser (rechts) und Björn Decher haben die Bombe in der Eisenstraße am Dienstagabend entschärft. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Sie haben einen gefährlichen Job. Kaum ist irgendwo in Hessen eine Bombe gefunden worden, fahren die Mitarbeiter des KMRD aus Darmstadt los und kommen dort an, wo niemand hin will: An die Fundorte von Sprengsätzen, die mitunter jederzeit explodieren können.

Auf welche Weise ein Blindgänger entschärft wird, hängt vom Fundort, der Konstruktion und dem Zustand des Sprengsatzes sowie des Zünders ab. Nach dem Fund wird zuerst das Herkunftsland und der genaue Typ des Blindgängers und des Zünders ermittelt. „Es gibt klare äußerliche Merkmale, die auf die Herkunft hinweisen“, heißt es vom KMRD auf OP-Anfrage.

Aus den Konstruktionsmerkmalen ergibt sich die Gefährdung durch Selbstauslösung und der Empfindlichkeit gegen äußere Einflüsse, etwa Erschütterungen oder Sonneneinstrahlung. Je nachdem, um welche Bombe, mit welchem Mechanismus es sich handelt, kann die Entschärfung, – das Entfernen des Zünders – beginnen. Das geht nur, wenn der Zünder eindeutig erkennbar und in einem guten Zustand ist.

Um den Zünder zu lösen, installieren wir ­eine sogenannte Raketenklemme“, sagt Björn Decher vom KMRD. Das sei ein Schraubgerät, dass mit zwei sogenannten Impulskartuschen mit 20-mm-Kaliber angetrieben wird. „Aus der Ferne zünden wir diese Kartuschen, die dann den Zünder mit einer hohen Geschwindigkeit herausdrehen.“ Dann gebe es den berühmten Knall – wie auch nun in der Eisenstraße.

Vorher muss ein Abtransport 
gefahrlos möglich sein. Deshalb wird vor der Entschärfung stets ein Sicherheitsradius um den Fundort gezogen, Anwohner aus umliegende Häuser evakuiert. Nach dem Entschärfen wird der Blindgänger abtransportiert, zerlegt und vernichtet.

Eine andere Methode ist die Vernichtung, die kontrollierte­ Sprengung am Fundort. In diesem Fall wird die vollständige­ Detonation des Blindgängers durch direktes Anbringen ­einer Vernichtungsladung verursacht. Es ist eher selten, dass der Blindgänger am Fundort zur Explosion gebracht wird. So wie 2014 auf der A3 bei Offenbach – dort musste der KMRD eine ­besonders gefährliche 500 Kilogramm-Bombe detonieren lassen. Resultat: ein vier Meter tiefer, 20 Meter breiter Krater in der Fahrbahn.

Nur in Ausnahmefällen wird 
eine scharfe Bombe vom Fundort abtransportiert. Der Zünder wird vorher 
 provisorisch von außen gesichert oder weniger empfindlich gemacht. Transportiert wird der Blindgänger in einer Lage, die das geringste Risiko einer Auslösung gewährt. Der Blindgänger wird zum nächsten geeigneten Platz transportiert, an dem er gesprengt werden kann.

Bei einigen Bomben können Kopf oder Boden mit dem nicht zu entschärfenden Zünder vom Rest der Sprengsatzes getrennt werden – durch ein ferngesteuertes Wasserstrahlschneidgerät, wie Hessen es kürzlich erst anschaffte. Der Rest wird dann gefahrlos abtransportiert und beseitigt, so dass nur noch der Teil mit dem Zünder und einem ­geringen Sprengstoffanteil gesprengt werden muss.

Heikel sind Bomben mit chemischem Langzeitzünder – wie unter der A 3 bei Offenbach. Sie gelten als unberechenbar, können jederzeit von selbst explodieren. Neben Zufallsfunden wie auf der Baustelle an der Eisenstraße forschen Kampfmittelexperten vor allem selbst nach. Dazu dienen vor allem Luftbilder und Angriffslisten der Alliierten. Die Bombenbelastung einer Region lässt sich so abschätzen.

Weitere Blindgänger 
werden in Wäldern vermutet

Bei der Suche nach Blindgängern setzen die Mitarbeiter der KMRD sogenannte Magnetometer ein. Diese schlagen bei Funden an, da 
alle Bomben aus ferromagnetischem Stahl bestehen. Dieser Stoff bewirkt eine Störung des sonst homogenen Erdmagnetfeldes an der Oberfläche – das bemerkt der Magnetometer. Ermittelt werden die Werte, indem zwei Sonden etwa einen Meter voneinander entfernt im Erdboden versenkt werden. Werden Differenzen im Magnetfeld festgestellt, lassen sich – je nach deren Größe – Bomben in bis zu sechs ­Metern Tiefe finden.

Die Zahl der unentdeckten Blindgänger wird deutschlandweit auf 100.000 geschätzt. Jährlich werden etwa 5500 Blindgänger entschärft. Auch im Landkreis, etwa im Wald zwischen Cölbe und Sarnau oder rund um Stadtallendorf werden bis heute viele Sprengsätze vermutet. Im Prinzip gilt: Dort, wo einst bombardiert wurde – vor allem rund um Bahnhöfe wie auch in Marburg – können Sprengsätze im Boden liegen. Das Gebiet rund um den Hauptbahnhof wurde­ im Februar 1945 durch einen Bombenhagel zerstört.

Lauert also weitere Gefahr in Marburgs Erdboden? Laut Stadt gibt es weitere Altlastverdachtsflächen. Vor einer Baugenehmigung werde daher mit jedem Investor geklärt, welche Bereiche auf dem Bauplatz auf gefährliches Material zu prüfen seien.

von Björn Wisker

Mehr zum Bombenfund in Marburg lesen sie hier:

Knall bei Bombenentschärfung in Marburg