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Marburg Skurriler Streit: keine Werbung – keine Miete
Marburg Skurriler Streit: keine Werbung – keine Miete
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20:00 03.03.2018
Der Schuster Vincenzo Sanzone vor seinem Laden mit dem Werbeschild, an dem der Streit entbrannte: Das hatte sein Vermieter vom Nachbargebäude entfernen lassen – in der Folge stellte der Schuster seine Mietzahlungen ein und steht nun vor Gericht. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Das Werbeschild des Schusters, der in Marburg über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügt, hing weder auf der Straßenseite seines Ladens, noch am selben Gebäude. Vielmehr war es auf der Seite zur Lahn hin angebracht und hing am Nebenhaus.

Doch Sanzone beteuert, dass die Werbewirksamkeit zur Lahnseite hin enorm gewesen sei. „Viele Leute kamen auch von außerhalb Marburgs in den Laden. Und wenn ich sie gefragt habe, wie sie mich gefunden haben, dann erzählten sie immer, sie hätten das Schild von der Lahn aus gesehen“, sagt Sanzone im Gespräch mit der OP. Vor Gericht betonte er: „Das Schild hing über 15 Jahre dort und es hat nie jemanden gestört.“

Der Vermieter habe das Schild vom Nachbargebäude, das Sanzone nach eigenenen Angaben vor mehr als 20 Jahren, als er seine Schusterei bezogen hatte, selbst gemietet hatte, einfach entfernt, ohne dies mit dem Schuster abzusprechen. Sanzone beteuerte vor Gericht, dass er von der Entfernung nichts gewusst habe und auch nicht um Erlaubnis gefragt worden sei.

Zahlen zum Kundenverlust kann Schuster nicht vorlegen

„Das entspricht nicht der Wahrheit“, entgegnete der Vermieter, der sich sicher ist alles vorher abgesprochen zu haben. „Das Schild wurde nicht grundlos entfernt, sondern im Zuge von Sanierungsarbeiten“, erklärte er vor Gericht.
Ob das Schild nun berechtigterweise und mit dem Einverständnis des Schusters entfernt wurde oder nicht lässt sich jetzt nur noch schwer nachvollziehen.

Allerdings nahm der Schuster das Fehlen seiner Werbung zum Anlass, seine Miete nicht nur zu kürzen, sondern sie gar nicht mehr zu zahlen. Sein Argument: „Seit das Schild entfernt wurde, habe ich deutlich weniger Kunden.“ Zahlen, um diesen Kundenverlust zu belegen, konnte er jedoch nicht vorlegen. Die Vorsitzende Richterin verdeutlichte zudem, dass auch wenn ein Kundenverlust vorliege, nicht nachgewiesen werden könne, ob die Entfernung des Schildes dafür ausschlaggebend gewesen sei. Dies auch vor dem Hintergrund, dass durchaus noch andere Werbemittel, wie beispielsweise Plakate oder ein großer Stiefel im und am Laden, angebracht seien.

Seit einem Jahr wartet der Vermieter mittlerweile auf sein Geld – jetzt hat er Klage erhoben und dem Schuster die Kündigung ausgesprochen. Das Gericht sollte entscheiden, ob der Schuster seinen Laden räumen muss.

Zu einer gütlichen Einigung zwischen den beiden Parteien kam es nicht – die Fronten sind zu verhärtet. Ob der Schuster den Laden räumen muss wird erst am 13. März entschieden, wenn das Urteil in diesem Fall verkündet wird.

Übrigens: Das Schild, das für so viele Probleme gesorgt hat, befindet sich mittlerweile wieder im Besitz des Schusters, allerdings zurzeit im Ladeninneren. „Ich habe es vom Schrottplatz geholt, nachdem ich einen entsprechenden Hinweis bekommen hatte“, sagt der Schuster.

Sanzone bemängelt gegenüber der OP, dass er während der Verhandlung kaum zu Wort gekommen sei. „Wenn die Richterin uns am 13. März den Gnadenschuss gibt, dann werden wir in Revision gehen“, kündigte er bereits an.

von Kim Meulenbeld und Andreas Schmidt