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Sitzfleisch oder „Zen ohne Zen-Quatsch“

Frank Schulz beim Krimifestival Sitzfleisch oder „Zen ohne Zen-Quatsch“

Wenn Krimifestival und Kabarettherbst aufeinandertreffen, dann kann dieser Abend 90 Besuchern eine großartige Lesung und dem örtlichen FC St. Pauli-Fanclub einen Ehrenvorsitzenden bescheren.

„Sehnsuchtsglühen“ und blonde Bräute, Lindensaft und eine Phobie gegen Hühnerköpfe - all das hat einen Zusammenhang.

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Frank Schulz bei seiner Lesung im KFZ. Foto: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Und auch, dass ganz am Anfang der Lesung von Frank Schulz im Kulturladen KFZ eine Melodie stand, die vor jedem Heimspiel des FC St. Pauli am Millerntor erklingt, ergibt Sinn: Der Autor wurde vom Marburger FC-St.-Pauli-Fanclub zum ersten Ehrenvorsitzenden auf alle Zeit ernannt - weil sein Buch „Kolks blonde Bräute“ Pate für den Namen des Fanclubs, „Paulis blonde Bräute“, stand.

Eine „wahnsinnige Ehrung“, befand Schulz - vor allem vor dem Hintergrund, dass er „nicht die Bohne einer Ahnung“ habe, wie Fußball eigentlich funktioniert. Eine wunderbare Geschichte, in der Fußball eine tragende Rolle spielt, hat er dennoch geschrieben. „Sehnsuchtsglühen“ heißt sie, und dass ihr die Textzeile „...zum Küssen bereit / zu kurz war ihr Kleid / Caramba“ aus einem Lied von Heino als Motto vorangestellt ist, lässt es erahnen: Ein unbedarfter Leser, der ob des Titels eher Pilchersche Romantik erwartet, könnte durchaus enttäuscht werden. Uwe Seeler, Stan Libuda, Sepp Maier, Gerd Müller und noch ein paar Kicker mehr - allesamt Jungs aus einem norddeutschen Dorf, die sich die Namen ihrer Idole gegeben haben - wollen das Halbfinale der WM 1970 heimlich in einer Scheune ansehen. Daraus macht Schulz eine Geschichte, die wunderbar komisch und in ihrer Komik ebenso anrührend ist. Die ersten Lachtränen mussten schon vor der Halbzeitpause getrocknet werden, noch bevor das Publikum Bekanntschaft mit Onno Viets machte, der offiziellen Hauptperson des Abends.

Onno Viets hat Abneigung gegen Eigenschweiß

Onno Viets: Mitte 50, Hartz-IV-Empfänger, hat eine Vorliebe für Noppensocken und eine Abneigung gegen Eigenschweiß, eine Phobie gegen Hühnerköpfe und ein von Lindensaft verklebtes Auto, das Tauben in einen „Ford Guano“ verwandelt haben, diverse Studiengänge und Erwerbstätigkeiten hinter sich und nun die geniale Idee, Privatdetektiv zu werden. Die Sportskameraden seiner Ping-Pong-Truppe stehen dem eher skeptisch gegenüber und die Gäste der Lesung bekamen dank einiger Einblicke in Onnos ersten Auftrag einen ersten Eindruck davon, warum.

Was die Überwachung von Fiona Popo, Gewinnerin einer Porno-Casting-Show, damit zu tun hat, dass ein Alsterdampfer von „einem zweieinhalb Zentner schweren Hünen, splitternackt und ganzkörpertätowiert, ohne Ohren und Zähne, doch mit implantierten Hörnern aus Teflon“ gekapert wird, das wollte Schulz den Zuschauern am Ende nicht verraten. Einen dicken Applaus gab es trotzdem. Denn Onno Viets Sitzfleisch mag noch so sagenhaft sein („Zen ohne den Zen-Quatsch“!): Das Marburger Publikum hätte ihm nachgeeifert und Schulz auch noch länger zugehört.

von Nadja Schwarzwäller

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