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Marburg Ziel: Hemmschwellen überwinden
Marburg Ziel: Hemmschwellen überwinden
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08:11 30.03.2018
Hans-Christian Sander und Petra Hilgenbrink sind Ansprechpartner bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle in Marburg. Über sie ist es möglich, zu erfahren, welche Selbsthilfegruppen es in Stadt und Landkreis gibt, und mit diesen in Kontakt zu treten. Quelle: Simone Schwalm
Marburg

Es gibt mehr als 100 Selbsthilfegruppen im Landkreis, rund ein Drittel davon sind in Marburg zu finden. Allein diese Zahlen lassen darauf schließen, welch großen Stellenwert Selbsthilfegruppen als Ergänzung zu Ärzten, Therapeuten, Beratungsstellen und weiteren gesundheitlichen sowie psycho-sozialen Einrichtungen haben. Dennoch: Für viele Gruppen stellt es eine Überwindung dar, mit ihrem Thema in die Öffentlichkeit zu treten.

Doch genau das ist ein Ziel der Informationsveranstaltung „Selbsthilfe im Wandel“, die am Weltgesundheitstag am 7. April im Erwin-Piscator-Haus stattfindet – in Kooperation mit der Marburger Selbsthilfekontaktstelle sowie „Arbeit und Bildung“ und finanziert durch die Stadt Marburg im Zusammenhang mit dem Projekt „Gesunde Stadt“. Darüber soll die Vernetzung von Selbsthilfegruppen gestärkt und ihre Arbeit unterstützt werden, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), der die Schirmherrschaft für den ersten Marburger Selbsthilfetag übernommen hat.

Selbsthilfetag

Am Samstag, 7. April, findet ab 13 Uhr der erste Marburger Selbsthilfetag unter dem Motto „Selbsthilfe im Wandel“ im Erwin-Piscator-Haus statt. Neben einer Podiumsdiskussion ab 13.30 Uhr und einer Lesung von Autor Bernd Mann ab 15.30 Uhr informieren Selbsthilfegruppen an Infoständen bis 17 Uhr über ihre Angebote. Der Eintritt ist frei. Eine induktive Höranlage und Gebärdendolmetscher stehen zur Verfügung.     

Etwa 20 Gruppen aus Marburg und dem Landkreis beteiligen sich an der Organisation und sind mit Infoständen vertreten. Die überwiegende Mehrheit möchte sich jedoch nicht öffentlich präsentieren. Dafür gibt es mehrere Gründe, wie die Diplom-Soziologin Petra Hilgenbrink und der Diplom-Psychologe Hans-Christian Sander erläutern. Beide sind Ansprechpartner bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle in Marburg, die noch eine Außenstelle in Biedenkopf hat und in Trägerschaft der Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie ist. „Zum einen gibt es die Anonymous-Gruppen“, führt Hilgenbrink aus.

„In ihren Namen bereits enthalten ist das Grundprinzip der Anonymität.“ Bei Gruppen, deren Mitglieder sich aufgrund einer physischen oder psychischen Erkrankung treffen, seien manche von ihnen wegen ihrer Erkrankung kaum belastbar. Besonders bei psychischen Erkrankungen käme noch die Problematik hinzu, dass viele Betroffene eine Stigmatisierung befürchten.

Doch nicht nur die öffentliche Darstellung, sondern bereits der Besuch einer Selbsthilfegruppe stelle für viele Betroffene eine Hemmschwelle dar, berichtet Sander. „Sie haben die Befürchtung, in der Gruppe Bekannte zu treffen und dann dem Tratsch ausgesetzt zu sein, obwohl alle Selbsthilfegruppen eine Vertraulichkeitsklausel haben“, sagt er. Dennoch gebe es unter der Woche fast täglich Anfragen von Menschen, die auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe seien.

Viele Anfragen von Suchthilfesystem abgedeckt

„Wir haben zirka 200 Anfragen im Jahr“, sagt Sander. Der Schwerpunkt der Beratungstätigkeit der Selbsthilfekontaktstelle läge auf der Beratung von Menschen, die für sich selbst eine Selbsthilfegruppe suchen, aber auch Angehörige von Betroffenen und Mitarbeiter anderer Einrichtungen wenden sich an sie.

Wenig Anfragen gebe es zu Suchterkrankungen – nicht, weil es wenige Betroffene gebe, sondern weil die Aufklärung über Selbsthilfegruppen innerhalb des Suchthilfesystems bereits sehr ausgeprägt sei, sagt Sander. Etwas mehr Nachfragen gebe es zu Selbsthilfegruppen für körperliche Erkrankungen. Zu diesen würden bereits Krankenhäuser aufklären.

Seelische Probleme machen größten Anteil aus

Etwa 80 Prozent der Anfragen betreffen psychosoziale Probleme und psychische Erkrankungen, vor allem zu Depression sowie Angst- und Panik-Zuständen.Von dem Selbsthilfetag erhoffen sich Hilgenbrink und Sander, dass „mehr Menschen die Chance auf Lösungen oder Linderungen erkennen, die ihnen der solidarische Austausch unter anderen Betroffenen bieten kann“.

Nicht nur die Möglichkeit zur Information, sondern auch zur Diskussion soll die Veranstaltung bieten. „Daher haben wir Vertreter aus der Stadtverwaltung, der Wissenschaft und dem gemeinnützigen Bereich eingeladen, um mit uns und den Selbsthilfegruppen zu diskutieren“, sagt Rainer Dolle, Leiter von „Arbeit und Bildung“.

von Simone Schwalm