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Marburg Roller-Revolution mit Lego-Prinzip
Marburg Roller-Revolution mit Lego-Prinzip
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00:16 16.10.2018
Mit einem frei umbaubaren Zweirad, das ausdauernd, umweltschonend und günstig ist, wollen Jasper Häger und Eva Kottkamp die Roller-Revolution von Marburg aus starten. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Ein Pädagoge, eine Soziologiestudentin, eine Designerin und eine ausgeklügelte Marktidee. Was passiert, wenn man alle diese Zutaten zusammenmischt? Es entsteht ein junges Start-up namens „Scooterra“, das E-Roller produzieren will, die sowohl schonend für die Umwelt wie den Geldbeutel sein sollen.

Gegründet hat das Unternehmen vor einem Jahr der Pädagoge Jasper Häger – Soziologiestudentin Eva Kottkamp und Designerin Benita Hahn sind ­miteingestiegen. Ihr Ziel: „Wir wollen E-Roller für jedermann, die auch noch jeden Tag Geld einsparen“, sagt Häger selbstbewusst.

Das Konzept steht, ihr erster Prototyp ist mittlerweile fertig und wartet auf die TÜV-Abnahme. Mit der Massenproduktion des ersten Modells will das Trio den E-Markt erobern, zugleich den traditionellen Anbietern ein Schnippchen schlagen. Denn sie wollen moderner, günstiger und nachhaltiger produzieren als alle anderen.

System ist simpel und flexibel

Das Geheimnis ihrer Idee: 
Es gibt keins. Beziehungsweise keine neuartige Bauweise, keine einzigartigen Teile, die es zu patentieren gilt. Das Gegenteil ist der Fall – die Scooterra-Roller bestehen aus Einzelteilen, wie sie nahezu jeder Hersteller fertigt und die zum Großteil frei miteinander kombinierbar und austauschbar sind. Vom Akku bis zum Stoßdämpfer.

Dadurch ließen sich die Zweiräder nicht nur einfacher reparieren, sondern seien günstig in großer Stückzahl herstellbar. ­Eine Abhängigkeit von einer ­bestimmten Marke entfällt. Der Roller wird zum Bausatz. „Er ist simpel und flexibel und nach dem Lego-Prinzip aufgebaut – so fallen die ganzen Verschleißteile weg, und man kann durch die modulare Bauweise immer upgraden“, erklärt der 42-Jährige. Somit ließe sich ein Roller von jedem Bastler beliebig bearbeiten – das lädt aber auch zum Selberbau ein.

Hin zum freien Lego-Konzept

Doch Sorge, dass sein Produkt damit angreifbar wird, einfach nachgebaut werden kann, hat Häger nicht. „Theoretisch könnte jeder das Lego-System weiterentwickeln, aber das wird keiner machen, es würde den ganzen Markt umkrempeln“.

Denkt man dieses Szenario zu Ende, könnte jedermann mit Rollern fahren, die praktisch nicht mehr kaputt gehen. Das wolle die Konkurrenz sicherlich nicht, „die Autoindustrie ist an der Umstellung auf Elektromobilität nicht interessiert“, sagt Kottkamp. Dies machen sich die Unternehmer zunutze.

Das Konzept der offenen Bauweise hebe sich vom derzeit bestehenden Marktangebot ab und passt auch zur Philosophie des Start-ups. Die jungen Unternehmer wollen weg von Markendenken und Patentrezepten, die E-Mobilität revolutionieren, „für alle erreichbar machen und da endlich Schwung reinbringen“.

Günstig und mit viel Power

Und wie steht es da um den Preis? Ein Scooterra-Roller kostet nach derzeitigem Stand 1899 Euro. Das sei der halbe Marktpreis, meint Häger, der außerdem auf ein Sharing-Konzept setzt. Bei der Finanzierung der ausleihbaren Roller geht er noch einen Schritt weiter – das erste Modell kann auch in Raten von einem Euro pro Tag bezahlt werden.

Der Roller soll günstig sein, zugleich Power haben. Ein ­Motor mit 3000 Watt samt zwei ­herausnehmbarer Akkus mit 2,4 Kilowattstunden soll im Endeffekt rund 100 Kilometer Reichweite bieten.

Auf jeder Ebene verfolge das Start-up eine „kongruente Firmenphilosophie“ – alles soll miteinander übereinstimmen, wie ein Bausatz eben. Auch beim Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Die abgasfreien­ Roller für jedermann brauchen wenig Platz und sollen ­
dazu beitragen, Städte überall zu „lebensfreundlichen Orten zu ­machen“.

Upgrade-System statt Wegwerf-Produkt

Zudem solle der Roller kein Wegwerfprodukt sein. „Wir können beständig neue Komponenten, auch aus neuen Materialien, wie etwa Bio-Plastik, anbieten“, sagt Häger. Auf diese Weise werde der Roller nie unmodern, brauche nicht nach wenigen Jahren entsorgt zu ­
werden.

Für ihren Traum warben die Macher bereits in einer Crowdfunding-Kampagne, die derzeit bei 12.000 Euro liegt. Weit mehr Kapital haben sie in ihr Unternehmen gesteckt, an dessen Aufbau Häger seit Jahren arbeitet und noch viel länger davon träumt. Schon seit seiner Jugend schraubt der Pädagoge an Autos herum, will mit dem Bausatz-Konzept punkten.

Produzieren lässt er in China, von dort hat er auch die Idee. „China ist führend in der Elektromobilität, dort fahren viele­ E-Roller – warum nicht auch hier?“, fragt er, der das ändern will. Bald startet die Produktion, ab März soll der Verkauf ­beginnen.

von Ina Tannert