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Marburg Schwätz net so amtlich geprüft dumm
Marburg Schwätz net so amtlich geprüft dumm
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18:43 23.05.2012
Mit „Kapp“ mutiert der Kabarettist Gerd Dudenhöffer zu seiner Kunstfigur Heinz Becker. Der weiß wenig, hat aber zu allem eine Meinung.Foto: Nadja Schwarzwäller
Marburg

In dieser Rolle begeisterte der Kabarettist Gerd Dudenhöffer am Dienstagabend in der ausverkauften Stadthalle seine Fans.

Er sagt ja nichts. Er ist da ja kein Fachmann. „Ja, ne, jetztemol...“ Aber. Heinz Becker ist das personifizierte Aber. „Erst üwerlesche, dann denke“? Fehlanzeige. Egal ob „Gas-Gerd“ oder die „Turbanträger“, Körperdurchleuchtungsgeräte oder Sterbehilfe, das „Toyota-Protokoll“ oder die „pharmazeutische Pharmazie“ -„da kann mer ruhig mal offe drüber schwätze“, findet Heinz Becker.

„Saach des emol heutzutach“, kommentiert er mit einem Anflug von Selbsterkenntnis seine Ansichten zum Thema Emanzipation. „Da kommt die Alice Schwarzer persönlich vorbei und stellt Dir de Strom ab.“ Aber sein Weltbild ist nun mal festgezurrt wie seine Hosenträger und sein Horizont reicht oft nicht viel weiter als bis zum Rand der „Kapp“, die sein Markenzeichen ist. Früher wurde eben noch richtig Politik gemacht - „die hatte e Krawatt an, oder wenigstens en Schlips“. Und dass es Kindergeld gibt, man aber Hundesteuer bezahlt - darüber kann man schon mal nachdenken.

Manchmal ist es nur eine Andeutung - ein unvollendeter Satz, eine kleine Geiste, die direkt in den lauernden Abgrund des Denk- und Sagbaren weist. Und man vergisst als Zuschauer immer wieder, dass dieser Heinz Becker nur eine Bühnenfigur ist. Kabarettist Gerd Dudenhöffer bringt ihn als fiktiven Charakter so erschreckend überzeugend auf den Punkt, dass einem das Lachen ab und an im Halse stecken bleibt. Genau das erklärt wohl den Erfolg von „Heinz Becker“, den es seit inzwischen fast 30 Jahren gibt.

Die „Familie Heinz Becker“ erreichte als Fernsehserie in den 1990er Jahren Kultstatus bei den Fans und das aktuelle Programm „Sackgasse“ ist das 14. Solo-Kabarett-Programm von Dudenhöffer als Heinz Becker. Darin geht es vom selbst gefliesten Bad bis ins ferne Afghanistan und die Zuschauer erfahren, dass man in manchen Ländern Gefahr läuft, nahezu täglich ums Leben zu kommen, Philipp Rösler „gelernter Vietnamese“ ist und eine Rinderseuche nie gleichzeitig mit einer Bundestagswahl auftritt.

Beipackzettel und der Holocaust, eine Seebestattung für Blinde (!) oder dass Roswitha immer während der Sportschau anruft - es gibt wohl nichts, das bei Heinz Becker nicht zum Thema werden könnte. Noch ein paar Weisheiten gefällig? „Der Fortschritt wird immer moderner“, bittesehr. Oder: „Was früher selbstverständlich war, ist heut auch selbstverständlich, nur umgekehrt“. Klarer Standpunkt. Apropos: Pädagogische Beratungsstellen für überforderte Eltern? „Ja, leck mich am Arsch. Und inn die Kapp geschiss‘!“

Becker entlässt sein Publikum mit einem Ausspruch seines Vaters: „Wenn der aaner dumm kommt, lass en aach wieder dumm gehe“. Was für ein Schlusssatz. Und erst ganz am Ende (nach einer ordentlichen Zugabe) zieht Gerd Dudenhöffer die „Kapp“ ab. Das Marburger Publikum quittierte seinen Auftritt mit viel Applaus und von einigen Zuschauern gab es sogar stehende Ovationen.

von Nadja Schwarzwäller

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