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Marburg Schritt für Schritt in ein normales Leben
Marburg Schritt für Schritt in ein normales Leben
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09:46 21.03.2018
Ängstliche Blicke:  Ein Teil der beschlagnahmten Chihuahuas ist aufgrund schlechter Haltungsbedingungen verstört. Tierpflegerin Fortuna Gathmann ist aber guter Dinge, dass sich die Tiere erholen. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

So etwas hat Fortuna Gathmann noch nie erlebt. „Es ist schon ein Schock, wie man Hunde so halten kann“, sagt die Tierpflegerin im Tierheim Cappel und schaut in ein dutzend großer, schwarzer Hundeaugen. Um ihre Füße wuseln zig Chihuahuas in allen möglichen Farben und Größen. Viele sind völlig verstört, winseln und verstecken sich mit eingezogener Rute. „Als sie zu uns kamen, konnten wir sie kaum anfassen, so scheu waren sie.“

Was war passiert? Mehrere­ Meldungen über die kleinen Hunde wurden über unterschiedliche Kanäle verbreitet. Daher noch einmal ein kurzer Überblick zu den Geschehnissen: Zunächst wurden 65 Chihuahuas von einer Privatperson an den Tierschutzverein Gießen und Umgebung übergeben. 21 der kleinen Hunde übernahm dann das Tierheim in Cappel.

Veterinärbehörde bewirkte Durchsuchungsbeschluss

Quasi zeitgleich seien drei weitere Chihuahuas vom Veterinäramt des Landkreises Marburg-Biedenkopf und dem Ordnungsamt der Universitätsstadt Marburg sichergestellt worden. Sie waren durch Hinweise auf eine möglicherweise nicht artgerechte Haltung einer Vielzahl von Hunden aufmerksam geworden, teilten die beiden Pressestellen mit. Mehrere Versuche der Kontaktaufnahme und Begutachtung der Hunde sowie der Haltungsbedingungen seien zunächst gescheitert, so dass die Veterinärbehörde schließlich einen Durchsuchungsbeschluss erwirkte.

Vorgefunden wurden in der Wohnung dann drei Hunde. „Sie hatten sich unter Möbeln versteckt. So liegt der Schluss nahe, dass sie einfach vergessen wurden, als die anderen weggebracht wurden“, sagt Tierheim-Vorstandsvorsitzender ­Dr. Hermann Uchtmann auf OP-Nachfrage. Dennoch gilt es von offiziellen Stellen zwar als „sehr wahrscheinlich“, dass die Tiere aus einem Haushalt stammen, bestätigt werden kann dies jedoch aufgrund der noch laufenden Ermittlungen nicht.

Die 24 Chihuahuas im Cappeler Tierheim werden aktuell tierärztlich untersucht. Nach bisherigem Stand gehe es laut Uchtmann fünf bis sechs Welpen gesundheitlich nicht sehr gut, einer befände sich in einem kritischen Zustand. „Zum Teil sind die Tiere psychisch gestört“, sagt Uchtmann. Das äußere sich in ihrem Verhalten, sie seien extrem ängstlich. „Sie sind keinen menschlichen Kontakt gewohnt.“

Vermutlich seien die Hunde als Rudel in einem Raum gehalten worden, das Futter wurde ihnen quasi nur „reingeschmissen“. „Und wie das bei einem Rudel so ist, haben sich die Stärksten durchgesetzt“, erläutert Uchtmann. So seien einige­ Hunde deutlich abgemagert und krank. Auch Inzucht spiele­ dabei eine Rolle, sagt Gathmann. Außerdem seien sie verdreckt gewesen, weil sie sich in ihrem eigenen Kot aufhalten mussten.

Tiere können aktuell nicht vermittelt werden

Ob die gesundheitlichen Probleme wie neurologische Auffälligkeiten, Augenprobleme, und Kieferfehlstellungen auf unzureichende Haltungsbedingungen zurückzuführen sind, ist ebenso Bestandteil der derzeit laufenden Untersuchungen wie die Hintergründe der Haltung von möglicherweise mehr als 70 Tieren. Die Veterinärbehörde prüft rechtliche Schritte im Sinne eines Bußgeld- oder Strafverfahrens sowie eines Verbots der Tierhaltung gegen den mutmaßlichen Hundehalter.

Aufgrund des Gesundheitszustands der Tiere und der laufenden Ermittlungen können die Tiere aktuell noch nicht vermittelt werden. „Wir müssen sie auch erst einmal an Menschen gewöhnen“, erklärt Tierpflegerin Fortuna Gathmann. Das Tierheim Cappel steht nun vor einer Mammutaufgabe.

Denn die Versorgung einer so großen Zahl vernachlässigter Hunde ist kostspielig: Ultraschall-­Untersuchungen, Kastrationen, Entwurmung, Entflohung und Futter – all diese Extrakosten sind immens. „Wir freuen uns über jede Spende“, sagt Gathmann und streichelt einer älteren Hundedame über den Kopf. „Das wird schon. Schritt für Schritt werden sie an ein normales Leben gewöhnt“.

von Nadine Weigel und Simone Schwalm