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Marburg Schrille Tour quer durch die Republik
Marburg Schrille Tour quer durch die Republik
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17:27 12.09.2013
Der Autor und Musiker Sven Regener knüpft mit „Magical Mystery“ an sein Erfolgsbuch „Herr Lehmann“ an. Foto: Jan Woitas Quelle: Jan Woitas
Marburg

In Sven Regeners großartigem Roman „Herr Lehmann“ kollabiert Karl Schmidt im vorletzten Kapitel: Mangel an Elektrolyten, eine Mischung aus Depression und Nervenzusammenbruch, diagnostiziert der Arzt im Krankenhaus, in das Frank Lehmann ihn schleppt.

Es ist der 9. November 1989, am Abend fällt die Mauer. Karl bekommt davon nichts mit. In der Zeit danach verschwindet er erstmal in der Psychiatrie - und danach im „Clean Cut 1“ in Hamburg-Altona, einer Wohngruppe für Ex-Drogis. Und das hätte noch Jahre so weitergehen können. Aber Sven Regener holt ihn da raus, schickt ihn für seinen neuen Roman „Magical Mystery“ zurück nach Berlin und dann mit einem Haufen durchgeknallter Raver auf Tour durch Deutschland.

Also aus und vorbei mit dem beschaulichen, sozialpädagogisch betreuten Leben, an das sich Karl gerade gewöhnt hat. In seiner Wohngruppe und seinem Job als Hilfshausmeister im Kinderkurheim Elbauen hat er sich einigermaßen stabilisiert und kommt nun wieder so halbwegs klar, auch ohne Drogen. Wie es der Zufall so will, stolpert eines schönen Tages sein alter Kumpel Raimund Schulte ins Eiscafé „La Romantica“, wo Karl sich eben einen Eisbecher Monteverdi ohne Eierlikör bestellt hat. „Wie lange bist jetzt weg“, fragt der. „Seit Ende neunundachtzig“, antwortet Karl. „O Mann, klar, so lange ist das schon her, kein Wunder, dann hast du ja alles verpasst.“

Und entsprechend viel gibt es nachzuholen. Sven Regener kann da aus dem Vollen schöpfen, an Ideen, manchmal auch etwas skurrilen Einfällen mangelt es dem Musiker und Schriftsteller ja ohnehin nicht. Wie schon in „Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“ und „Kleiner Bruder“ beweist er auch in „Magical Mystery“, was für ein ungewöhnliches Erzähltalent er ist. Schon die Kapitel, die sich Karls Lebensabschnitt in Hamburg widmen, sind großes Kino: die Szenen beim abendlichen Plenum in der Selbsthilfe-Wohngemeinschaft zum Beispiel oder Karls Abschied vom Kinderkurheim, wo er viele Monate lang die Affen gefüttert und den Rasen gemäht hat.

Das liegt nun alles hinter ihm, denn Raimund und seine Raver-Freunde in Berlin wollen auf Tour gehen und brauchen einen Fahrer. Einen, der nicht kifft und nicht jeden Abend abstürzt, einen mit Führerschein und Peilung, wo es langgeht, einen, dem man vertrauen kann: Karl Schmidt also.

Und das lässt der sich nicht zweimal sagen. „Magical Mystery“ heißt das Tourprojekt, so wie damals in den Sechzigern bei den Beatles. Und führt durch die Clubs der ganzen Republik. Erst nach Bremen, wo Sven Regener herkommt und sich Karl auch einigermaßen zu Hause fühlt, dann nach Köln, nach München, nach Hamburg und Schrankenhusen-Borstel, ein Kaff in Schleswig-Holstein, wo die DJs ein Desaster erleben.

Eines von Sven Regeners großen Talenten ist seine Fähigkeit, sich Figuren auszudenken, die dem Leser sofort sympathisch sein müssen. Karl Schmidt ist so einer oder Rosa, die Frau, die ihn in seinem neuen Leben an die Hand nimmt. Aber auch die übrigen Gestalten, ein Haufen Raver, Freaks, Chaoten mit allen erdenklichen menschlichen Schwächen von Geltungssucht bis Drogenkonsum, erscheinen einem bald wie alte Freunde.

Es ist ein Buch über viele Themen, nicht nur über Musik, das Tourneedasein oder die Rückkehr aus der Parallelwelt der drogentherapeutischen Sozialeinrichtungen in die Wirklichkeit. Es geht auch um die ganz großen Sachen, um Freundschaft und Liebe, Verrücktsein und Normalwerden. Sven Regener bekommt es hin, all das in einem Roman unterzubringen, ohne ein einziges Mal dick aufzutragen, ohne in Pathos abzugleiten - und das stellenweise so komisch, dass man lachen muss, ob man will oder nicht.

Als die Tournee zu Ende ist, geht es zurück nach Berlin. „Es kann doch nicht sein, dass man nach fünf Jahren einfach wieder in dieselbe Stadt zurückzieht, als ob nichts gewesen wäre“, denkt Karl. Aber das ist ja auch gar nicht so, schließlich ist er gerade unterwegs in einen Teil der Stadt, der damals noch hinter der Mauer lag. „Und da begriff ich erst wieder, dass sie ja direkt neben der alten noch eine neue Stadt aufgemacht hatten, in der ich noch einmal von vorne anfangen konnte.“ Und wenn das kein schöner letzter Satz ist, dann weiß ich auch nicht.

Klar, am Schluss oder schon vorher werden viele fragen „Und, ist ,Magical Mystery‘ so gut wie ,Herr Lehmann‘?“. Ja, ist es. Aber ganz anders. Nicht so komprimiert vielleicht, nicht so sehr Berlin-Roman, aber wieder ein Buch, das einem Respekt abnötigt und gleichzeitig Spaß macht beim Lesen.

Sven Regener: „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“, Galiani-Verlag, 506 Seiten, 19,99 Euro.

von Andreas Heimann

Sie hat Durst. Ihr Leben lang schon. Trinken darf sie nur wenig. Ihre Nieren sind erbsengroß, arbeiten nicht mehr. Für Birgit Priester gehört die Dialyse seit 40 Jahren zum Leben dazu. Mehr noch: Sie schenkt ihr Leben.

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