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Schrille Farce und statisches Drama

Jeanne oder Die Lerche in Wetter Schrille Farce und statisches Drama

Mit seiner aktuellen Produktion geht der Theaterverein Wetter an die Grenzen dessen, was ein ambitioniertes Amateurensemble zu leisten imstande ist.

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Jeanne (Simone Schwalm) muss ihre ganze Überzeugungskraft aufbringen, um Charles (Rüdiger Clasani) die Feigheit auszutreiben.Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Wetter. ean Anouilhs "Jeanne oder die Lerche" ist ein Stück voller inhaltlicher Brüche und charakterlicher Widersprüche, eine Gratwanderung zwischen absurdem Spiel und staatstragendem Pathos. Um niemand geringeren als Frankreichs Nationalheldin Jeanne d‘Arc geht es - vom einfachen Volk geliebt, von Schillers Pathos glorifiziert, von Shaw zur Gleichberechtigungsikone erklärt, von Anouilh schließlich charakterlich dekonstruiert.

Regisseur Keuchel dreht im ersten Akt richtig am Rad

Ziemlich viel interpretatorischer Ballast also für Regisseur Jürgen Helmut Keuchel, der sich dafür entschied, im ersten Akt so richtig am Rad zu drehen. Allein Jeannes Familie macht das Spiel zur schrillen Farce: Der blöd daherpolternde Vater (Uwe Fischbach), seine keifende Frau (Beate Wagner) und der dauerpopelnde, grenzdebile Bruder (Benjamin Schmidt) bieten Jeanne ein familiäres Umfeld, aus dem eine junge Frau auch dann ausbrechen müsste, wenn ihr nicht gerade Stimmen von Heiligen einflüstern würden, dass sie eben mal Frankreich retten soll.

Dem Premierenpublikum machte das zunächst sichtlich Spaß - zumindest bis zur Pause.

Simone Schwalm legt vom ersten Satz bis zum Tod auf dem Scheiterhaufen eine bemerkenswerte Präsenz an den Tag - eine Heldin, die keine sein mag, eine junge, einfache Frau, die sich ihren Mut selbst immer wieder einreden muss, eine tragische Figur, die an ihrer Bestimmung scheitert.

Schnell hat der Zuschauer verstanden, warum Charles (Rüdiger Clasani) in roten Strumpfhosen umherrennt, warum er anscheinend den Stimmbruch noch vor sich hat und warum sein Thron überdimensioniert ist - klar: hier wird ein infantiler Schwächling gezeigt, der es unmöglich schaffen kann, die Engländer aus dem Land zu jagen. Dass Clasani trotz dieser klar fassbaren Aussage gefühlte 50 Mal unbeholfen auf den Riesenstuhl krabbeln muss, ermüdet nicht nur ihn selbst. Aufwändig kostümiert umschwänzeln ihn dabei Frau, Geliebte und Schwiegermutter - ein durchaus schmückendes Element der Inszenierung, dramaturgisch jedoch eher irrelevant.

Bietet der erste Akt noch die eine oder andere burleske Prügelszene, erstarrt das Prozessgeschehen im zweiten Akt in einem über weite Strecken eher statischen Spiel. Hätte sich Uwe Fischbach in seiner Vaterrolle ein bisschen weniger verausgabt - vielleicht hätte er der Figur Couchons noch einen Deut mehr Tiefe geben können. So jedoch sitzt er zumeist in fast trauter Eintracht neben André Mettken, der seinen Graf Warwick als affektierten Rosenkavalier spielt.

Stimmstark und maskenhaft

Groß ist die Bühne der Wetteraner Stadthalle, weit sitzen Couchon und Warwick weg vom Ankläger (Hans Kaiser) und dem Inquisitor (stimmstark und maskenhaft: Oliver Batz). Zwischen diesen Polen verliert sich der Prozessdisput streckenweise. Auch Simone Schwalm wirkt da bisweilen ein wenig verloren, doch immer wieder gelingt es ihr, Spannung und Konzentration auf sich zu ziehen.

Dafür braucht es in der zweieinhalbstündigen Produktion echte Steherqualitäten. Jeanne d‘Wetter hat sie, und entsprechend galt wohl zuvorderst ihr die Begeisterung des Premierenapplauses.

Der Theater- und Festspielverein Wetter spielt "Jeanne oder die Lerche" noch am 30. und 31. März (jeweils ab 20 Uhr) sowie am Sonntag, 1. April (19 Uhr).

von Carsten Beckmann

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