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Marburg Schreiben gegen den eigenen Tod
Marburg Schreiben gegen den eigenen Tod
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18:27 27.08.2013
Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist tot.Foto: Seeger Quelle: Patrick Seeger
Berlin

Als Wolfgang Herrndorf im vergangenen Jahr den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, konnte er die Auszeichnung schon nicht mehr selbst entgegennehmen. Durch einen Freund ließ er lediglich ein afrikanisches Sprichwort übermitteln: „Die Sonne geht immer hinter der Düne unter, die dir gerade am nächsten ist.“

Er hatte drei Gehirnoperationen, zwei Bestrahlungen und drei Chemos im Kampf gegen den Krebs hinter sich. Doch er sei nicht an Krebs gestorben - so schrieb es seine Weggefährtin, die Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig, gestern auf Twitter. „Er hat sich gestern in den späten Abendstunden am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.“

2010 hatte der gebürtige Hamburger mit seinem Roman „Tschick“ den Überraschungserfolg des Jahres gelandet. Das Buch erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 und hat sich inzwischen mehr als eine Million mal verkauft. Nur wenige Monate vor dem Druck des Romans wurde bei Herrndorf ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert. Prognose: Nicht heilbar. Seither gab er in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ (www.wolfgang-herrndorf.de) regelmäßig Auskunft über sein Leben mit dem Tod. Am 8. März 2010, nach einer Einlieferung in die Psychiatrie begonnen, ist das Internet-Tagebuch ein ebenso erschütterndes wie bitter-komisches Dokument von Wut und Verzweiflung, Angst und Überlebenskampf.

„Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem“, schrieb er zu Beginn. Doch so soll es nicht kommen. Erst eine OP, dann eine zweite, eine dritte. „Der aktuelle Champion in meiner Gewichtsklasse hat es hier auf vier Hirn-OPs gebracht“, notierte er einmal. Ein andermal: „Ja, mach dich vom Acker, Körper, hau ab, nimm mit, was du tragen kannst.“

Trotzdem brachte er seinen nächsten Roman „Sand“ zu Ende. Der ebenso rätselhafte wie großartige Agententhriller aus der afrikanischen Wüste trug ihm 2012 den Leipziger Buchpreis und eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis ein.

Dabei hatte Herrndorf gar nicht Schriftsteller werden wollen. Am 12. Juni 1965 in Hamburg geboren und in einem „sehr kleinbürgerlichen Haushalt“ ohne Literatur aufgewachsen, hatte er Kunst studiert und zunächst in Berlin als Illustrator gearbeitet - unter anderem für das Satiremagazin „Titanic“.

Seit seiner Krebsdiagnose lebte Herrndorf absolut zurückgezogen in Berlin. „Keine Anfragen, keine Interviews, keine Lesungen, keine Ausnahmen“, schrieb er auf seiner Internetseite. Die Freunde, die Lebensgefährtin C. und die Arbeit gaben seinem Leben Struktur.

Die letzten Einträge in seinem Blog zeugen erschütternd davon, wie der große Sprachkünstler immer mehr seine Worte verliert. «Ich bin nicht der Mann, der ich einmal war. Meine Freunde reden mit einem Zombie», schrieb er Anfang Juli. Und einige Tage später folgte ein Gedicht: „Niemand kommt an mich heran/bis an die Stunde meines Todes./Und auch dann wird niemand kommen./Nichts wird kommen, und es ist in meiner Hand.“

von Nada Weigelt

Sie hat Durst. Ihr Leben lang schon. Trinken darf sie nur wenig. Ihre Nieren sind erbsengroß, arbeiten nicht mehr. Für Birgit Priester gehört die Dialyse seit 40 Jahren zum Leben dazu. Mehr noch: Sie schenkt ihr Leben.

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