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Schreiben als Überlebender

Professor Wolfgang Dietrich Schreiben als Überlebender

Professor Wolfgang Dietrich ist inzwischen 87 Jahre alt. Er schreibt und schreibt und schreibt: Inzwischen liegt Band vier seiner Reihe „Wach im Alter“ vor.

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Wolfgang Dietrich sitzt in seinem kleinen Arbeitszimmer am Schreibtisch, neben sich zwei Bücher aus seiner Reihe „Wach im Alter“.Foto: Uwe Badouin

Marburg. Schreiben hält ihn wach, lebendig. „Es ist ein Faktor ständiger Beschäftigung, es hilft, das Alter weniger depressiv als Rückwärtsgewandtes zu sehen“, sagt der Marburger Theologe und Philosoph Wolfgang Dietrich. Für ihn ist das Schreiben „ein Pilgern nach vorn“.

Er pilgert jeden Tag, und das seit Jahrzehnten. Noch immer hat er die eng beschriebenen Tagebücher griffbereit, die ihn schon damals in dem mörderischen Zweiten Weltkrieg begleiteten. Dietrich wurde 1943 als knapp 18-Jähriger eingezogen und als Sanitäter an die Ostfront geschickt. Er hat Grauenvolles gesehen und erlebt. Nur wenige junge Männer, die mit ihm eingezogen wurden, kehrten nach Hause zurück. Er sei oft knapp dem Tod entronnen, „das gehört zu meinem Leben dazu“, sagte er leise. Irgendwann in diesem Krieg irgendwo in den Karpaten, seine Kameraden waren alle tot, gab er sich einen Schwur: Wenn er wider Erwarten zurückkommen sollte, wollte er Juden und Russen Gutes tun.

Er kam zurück. Er wurde Theologe, lehrte in Marburg als Berufsschullehrer, konfrontierte seine Schüler oft gegen den Willen der Kollegen mit dem Nationalsozialismus, lehrte später Theologie an der Universität Hannover und war in Marburg Mitbegründer der deutsch-jüdischen Gesellschaft. Über seine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew bekam er Kontakte zu Russen.

Er schreibe als Überlebender, sagt Dietrich, den die Kriegserlebnisse bis heute prägen: „Es ist ein Irrsinn, dass ich hier sitze und so alt geworden bin.“

2003 hat er seine Reihe „Wach im Alter“ begonnen. „Damals dachte ich, naja, so vier Jahre bin ich damit beschäftigt.“ Es sind neun Jahre geworden, und ein Ende ist nicht in Sicht, denn der 87-Jährige schreibt weiter, Tag für Tag, mit Hand in einer gestochen scharfen Schrift. Drei Seiten pro Tag, eine bis drei Stunden pro Seite.

„Tagesbücher“ nennte er seine Reihe: Jedes trägt einen Untertitel. Nach „Im Flechtwerk dieser Tage“, „Beharrlich unterwegs“ und „Achtzig im Wind“ ist nun „Später Wellengang“ im Selbstverlag erschienen. Es ist ein Mix aus Erinnerungen, die er aus seinen Tagebüchern schöpft, aus philosophischen Exkursen, aus Alltagsbeobachtungen und kleinen Gedichten, die an Haikus erinnern. Das jüngste Buch schildert die Tage des Jahres 2006, so lange dauert es, bis die Handschriften erfasst, in einer großen, gut lesbaren Schrift gesetzt und bearbeitet sind. Das nächste ist bereits in Arbeit.

Wolfgang Dietrich: „Wach im Alter - Tagesbücher IV: Später Wellengang“, 766 Seiten, 36 Euro, erhältlich beim Autor: Leopold-Lucas-Straße 41, 35037 Marburg.

von Uwe Badouin

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