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Marburg Tipps für geplagte Eltern
Marburg Tipps für geplagte Eltern
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00:18 09.12.2018
Besonders aktive, sensible Kinder, sogenannte Schreibabys, brauchen eine reizarme Umgebung, Struktur und feste Ruhe-Rituale, erklärt Kinderkrankenschwester Marion Mink. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Das Baby ist unruhig, quengelt, schreit wie am Spieß. Hat es Hunger? Ist es krank oder die Windel voll? Müttern und Vätern dürfte diese Situation bekannt sein, ebenso wie die darauffolgende Ursachenforschung. Doch was, wenn alle Versuche scheitern, der Säugling einfach nicht zur Ruhe kommt?

Das kann Mutter und Vater zur Verzweiflung treiben – vielleicht gar an der elterlichen Kompetenz zweifeln lassen. Dabei hat man doch alles versucht, einen wahren Beruhigung-­Marathon durchexerziert, von diversen Haltegriffen und Klopf-Techniken bis zum Kinderbett auf der Waschmaschine. Doch eben diese Fülle aus der elterlichen Trickkiste ist ­gerade bei sensiblen Babys die falsche Herangehensweise, sagt Kinder­krankenschwester ­
Marion Mink von der Häuslichen Kinderkrankenpflege ­Marburg. Sie rät vielmehr zu ­einem konstanten ­Ruhe-Ritual.

Über Möglichkeiten, sogenannte Schreibabys und zugleich die Eltern zur Ruhe zu bringen, dreht sich ein kostenloses Beratungsangebot der Häuslichen Kinderkrankenpflege über Regulationsstörungen. Um wieder Frieden in das Familienleben zu bringen, „wir helfen dabei, in einer belasteten Situation eine Orientierung zu finden“, sagt Mink.

Weniger Reize, mehr Ruhe

Neben Informationen über Schlafbedarf und Schlafzyklen von Babys verschiedener Altersstufen, geht es bei den Hausbesuchen darum, das richtige Verhalten auf die jeweilige Situation und das Baby anzuwenden. Denn jedes Kind ist anders, je nach Temperament, „manche sind entspannter, andere besonders sensibel, die bekommen alles mit, mehr als man denken mag“. Und gerade die sensiblen Kinder fahren bei dem kleinsten Reiz wieder hoch, etwa sogenannte­ Schreibabys. Als solche gelten Neugeborene, wenn sie länger als drei Stunden an mehr als drei Tagen in der Woche schreien. Dennoch sei jeder Fall individuell, eine Generallösung ­gebe es nicht.

Generell gehe es bei der Beruhigung von Kindern um Reizreduktion. Die ganze Palette an Tricks nacheinander auszuprobieren, steigere hingegen nur die Unruhe, setze ständig neue Reize. Mink setzt da eher auf Alltagstrott. „Babys lieben Regelmäßigkeit, sie brauchen keine Abwechslung – sie wollen Wärme, Kontakt, Ruhe, Schlaf und Saugen“, erklärt Mink. Eine ruhige Stimme, ruhige Bewegungen, mehr Monotonie und ein festes Ruhe-Ritual sei da zielführender. Auch dabei helfen kleine Tricks, etwa dem Kind über Kopf und Nase streichen, und zwar von hinten nach vorne. Andersherum wirkt die Berührung wiederum belebend.

„Babys zeigen,
 was sie brauchen“

Ein weiterer Tipp: Auch die Eltern müssen zur Ruhe kommen, sollten sich, wenn alles nichts hilft, eine Mini-Auszeit gönnen, runterfahren, gezielt durchatmen. Und dann einen neuen Versuch starten. Und damit nicht zu lange warten, je übermüdeter ein Baby ist, desto länger dauere die Beruhigungszeit.

Diese im Alltag immer wieder hinzubekommen, erfordere Geduld und Training. „Es ist immer schwer für die Eltern, die oft überfordert und völlig übermüdet sind – dann trübt sich der Blick für das Wesentliche“, sagt Mink.

Auch die Ausdrucksweise von Kleinkindern steht bei der Beratung im Fokus. „Babys spiegeln ihre Bedürfnisse wider, sie zeigen, was sie brauchen“, sagt Mink. Eine gekrauste Stirn, überstreckte Hände und Füße deuten auf Stress hin, ein müdes Baby wird dagegen den Blickkontakt unterbrechen. Schmatzen und Finger in den Mund stecken sind eher ein Anzeichen von Hunger.

Konkurrenzdruck unter Eltern schadet

Das rein über Spenden finanzierte Angebot umfasst etwa zwei bis sechs Beratungstermine zu Hause durch speziell in Kommunikation geschulte Kinderkrankenpfleger. Derzeit nehmen lediglich 20 Eltern im Jahr die Beratung an, auffallend wenige, meint Mink. Ein Grund sei eine Art falsche Scheu davor, das Problem offen anzugehen. Vielen Eltern falle es schwer, sich Hilfe zu holen, fühlen sich als Versager: „Es ist anstrengend, eine riesige Herausforderung – gerade Mütter fühlen sich vom eigenen Baby abgelehnt, überfordert und inkompetent“, sagt Mink.

Hinzu komme die vermeintliche Blöße vor anderen, „Mütter stehen oft in einer Art Konkurrenz zueinander – welches Kind ist das bravere, das hübschere, welches schläft am besten – und das ist schade, ich würde mir eher gegenseitige Unterstützung wünschen.“ Von dieser Denkweise wolle sie gestresste Eltern abbringen, diese viel mehr bestärken, „das größte Problem ist, dass Eltern denken, sie würden alles falsch machen – das stimmt einfach nicht“, betont Mink. Sie rät zu mehr Selbstvertrauen: „Lassen Sie sich nicht verunsichern, hören Sie auf ihr Bauchgefühl.“

Das kostenlose Angebot der Kinderkrankenpflege ist für Neugeborene und für Kleinkinder bis maximal zum zweiten Lebensjahr gedacht und wird rein durch Spenden finanziert. Kontakt unter www.kinderkrankenpflege­-marburg.de oder per Telefon unter 06421/681606.

von Ina Tannert