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Schocktherapie im Asia-Restaurant

Der goldene Drache am landestheater Schocktherapie im Asia-Restaurant

Wow - erst einmal tief durchatmen: Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache" hatte am Samstag im Hessischen Landestheater Marburg Premiere.

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Der Zahn muss raus, egal um welchen Preis: Martin Maecker (von links), Sven Mattke, Ronja Losert, Uta Eisold und Tobias M. Walter in „Der goldene Drache“.Foto: Ramon Haindl

Marburg. Ein ebenso ungewöhnliches wie faszinierendes Stück, eine ungemein pointierte Inszenierung und ein mitreißendes Ensemble können Theaterbesucher auf der Bühne des Landestheaters erleben. Doch Vorsicht: "Der goldene Drache" von Roland Schimmelpfennig ist alles andere als leichte Kost - trotz des locker-leichten China-Tangos, der wie eine warme Decke über dem ganzen Elend liegt. Trotz der vielen witzigen Einfälle und trotz vieler kurioser Szenen, die Regisseur Gerald Gluth-Goldmann mit seinen fünf ungemein spielfreudigen Darstellern serviert.

Schimmelpfennig hat kein klassisches Drama geschrieben, präsentiert keine Charaktere, die sich entwickeln, sich verändern. Wie durch ein Prisma, das die Welt in glitzernde Fenster teilt, richtet Schimmelpfennig seinen Blick auf eine kleine Welt - ein Haus. Diese kleine Welt bündelt das Elend der Welt, während Schimmelpfennig von Macht, Angst, Unterwerfung und Ausbeutung erzählt.

Im Zentrum steht das Asia-Restaurant "Der goldene Drache", ein Plexiglasverschlag, in dem fünf Köche auf kleinstem Raum im Akkord schuften. Einer davon, der Kleine, hat fürchterliche Zahnschmerzen. Ein Arzt? Undenkbar. Er hat keine Papiere, er ist illegal. Den Zahn brechen ihm die Kollegen raus, selbst ängstlich zitternd - und mit bösen Folgen. Der Kleine wird nie seine Schwester finden, deretwegen er sich auf den weiten Weg von China in unsere ferne, fremde Welt gemacht hat.

Es ist eine von vielen bitteren Wahrheiten, die das Stück des derzeit meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatikers aufzeigt. Die andere: Wir alle haben den Blick für das Elend dieser verborgenen Welt verloren. Noch schlimmer: Wir alle scheuen nicht davor zurück, dieses Elend auszubeuten.

Eingebettet in diese Tragödie ist die bekannte Fabel "Die Ameise und die Grille" von Aesop. Allerdings haben sich die Zeiten geändert - für ein bisschen Musik oder Tanz bekommt die Grille im 21. Jahrhundert nichts mehr. Sie wird zur Prostitution gezwungen. Und bald ist klar: Die Grille, das ist die kleine Schwester des Chinesen, die Ameisen, das sind Menschen wie wir. Wie der alte Mann aus dem fünften Stock, der noch einmal Sex haben will, wie der junge Mann, dessen Freundin ein Kind erwartet, wie der betrunkene Mann, der gerade von seiner Frau verlassen wurde.

Die Handlung wird nicht stringent, sondern in einer sehr geschickten Montagetechnik erzählt, so als würde man durch Fernsehprogramme zappen. Permanent - manchmal mitten in einer Szene - schlüpfen die fünf Darsteller in neue Rollen: Tobias M. Walter ist der junge Mann, der mit kleinem Bart zum Großvater wird, mit Lippenstift zur Kellnerin, mit Flügeln zur vergewaltigten, gequälten Grille. Uta Eisold ist zugleich die Frau über 60, die Enkelin, mit Lederhalsband wird sie zur Ameisenzuhälterin und zum Lebensmittelhändler, der sich ebenfalls als Zuhälter entpuppt.

Ronja Losert mutiert von dem von Zahnschmerzen geplagten Asiaten zur jungen Frau, zum Barbiefucker und zum verlassenen Mann, der keine Skrupel hat, die junge Asiatin zu quälen. Martin Maecker ist ein alter Mann, ein junger Mann, ein asiatischer Koch, eine Stewardess. Sven Mattke verwandelt sich vom Asiaten in eine Stewardess und in die Frau, die ihren Mann verlässt.

Alle fünf Darsteller spielen ungemein präzise: Für den Wandel etwa vom versklavten Koch zur Stewardess reichen eine Geste und ein Requisit - eine Perücke.

Großartig.

n "Der goldene Drache" ist am 27. März, 13. und 21. April jeweils um 19.30 Uhr im Hessischen Landesthater (Theater am Schwanhof) zu sehen.

von Uwe Badouin

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