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Marburg Debatte über Zukunft der Filmkunst
Marburg Debatte über Zukunft der Filmkunst
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00:18 27.08.2018
Die Marburger Kinobetreiber Gerhard Closmann (von links), Irmgard Hetsch und Marion Closmann stehen mit Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies und Kulturamtsmitarbeiterin Kariona Kupka vor dem Capitol-Center.  Quelle: Stadt Marburg
Marburg

„Die Schließung der Filmkunstkinos in der Oberstadt bedeutet einen herben Einschnitt, der von einer Universitätsstadt mit kulturellem Anspruch nicht tatenlos hingenommen werden darf“, heißt es in einem Antrag der Stadtverordnetenfraktion der Grünen.

Die Linke sieht das ähnlich: „Der Weggang der Filmkunsttheater aus der Oberstadt ist ein großer Verlust für die Marburger Kinolandschaft und alle Kinoliebhaber in der Stadt. Zusätzlich verliert die Oberstadt und die dort ansässige Gastronomie einen überaus wichtigen Publikumsmagneten.“

Was folgt daraus? Die Grünen wollen einen runden Tisch, um „die Fortführung des hochwertigen Marburger Filmkunstangebots sicherzustellen“. Neben Magistrat sollen der Filmkunstbetreiber Hubert Hetsch, Kinobetreiberin Marion Closmann, das Café Trauma, Univertreter und das Film- und Kinobüro Hessen mitdiskutieren.

Die Linken fordern den Ankauf des Gebäudes durch die GeWoBau von den neuen Eigentümern (dem Investment-Unternehmen DTI), die Verpachtung der drei Kinosäle an den bisherigen Betreiber Hetsch „zu einem leistbaren Preis“ und den Ausbau der restlichen Räume in bezahlbaren Wohnraum.

Doch was wollen die Kinobetreiber? Die wollen von der Stadt gar nicht gerettet werden, wenn es darum geht, die Oberstadtkinos weiterzubetreiben. Hubert Hetsch, der die Filmkunsttheater seit Jahrzehnten betrieb, ist 70 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen und wollte ohnehin kürzer treten, um mehr Zeit für seine Familie und die Enkelkinder zu haben.

Seine Geschäftspartner, die Familie Closmann, die zudem das hochmoderne Cineplex und das 2017 renovierte Capitol-Center betreibt, sehen für die Filmkunstheater in der Oberstadt wirtschaftlich keine Zukunft, wie Marion Closmann gegenüber der OP erklärte. Es müsste massiv investiert werden – sowohl in die Technik als auch in die Barrierefreiheit.

OB: Keine subventionierte Konkurrenz für Kinos

Rechnet sich das in einer Zeit, in der die Kinos bundesweit um jeden zahlenden Kunden kämpfen? In einer Zeit, in der in Frankenberg das letzte Kino geschlossen hat, weil es keine Nachfolger gab, die das Risiko eingehen wollten?

In einer Zeit, in der selbst das hochmoderne Cineplex massive Besuchereinbrüche erlebt. Die Besucherzahlen im Cineplex sind von einst 600 000 Gästen jährlich auf 400 000 im vergangenen Jahr zurückgegangen.

Ein Grund ist die neue Multiplex-Konkurrenz in Gießen, ein weiterer die „Gesamtsituation der Kinobranche“, sagt Marion Closmann. Die gesamte Branche kämpft seit Jahren mit der wachsenden Konkurrenz durch Anbieter wie Sky, Amazon Prime oder Netflix. Dr. Thomas Negele, Vorsitzender des Hauptverbands deutscher Filmtheater (HDF), forderte bereits im Dezember 2017 in einem Positionspapier staatliche Hilfen für die Kinos.

­Deren Zukunft sei in der Fläche ­
bedroht. Marburg ist davon nicht bedroht, bleibt von den Entwicklungen aber auch nicht verschont. Seit über zehn Jahren decken die Kinobetriebe mit Einnahmen aus Kinos wie dem Cineplex die Verluste in der Oberstadt.

„Wir haben es gerne­ getan“, sagt Marion Closmann, „wir sehen uns als Vollversorger.“ Aber das Oberstadtkino sei auf Dauer nicht mehr zu finanzieren, zumal bundesweit die Besucherzahlen 2018 in den deutschen Kinos wegen der Fußball-WM und des Jahrhundertsommers noch einmal um 19 Prozent eingebrochen seien.

Vor diesem Hintergrund reagierten am Dienstag der Magistrat der Stadt Marburg und die Marburger Kinobetriebe mit einer gemeinsamen Pressemitteilung. „Marburg steht als Uni- und ­Kinostadt für ein hervorragendes und vielfach preisgekröntes Filmkunstprogramm“, betont Oberbürgermeister und Kulturdezernent Dr. Thomas Spies. „Das soll so bleiben und genau dafür liegt uns dank der zwei außerordentlich engagierten Marburger Kinofamilien die jetzige Lösung vor.“

Die sehen sowohl Closmann als auch Spies in der Konzentration des Filmkunstangebots im Capitol-Center. „Ich habe nicht vor, das Programm einzuschränken“, sagte die Kinochefin. Es werde aber vermutlich nicht jeder Film jeden Tag dreimal gespielt. Auch auf den Kamerapreis habe die Aufgabe der Oberstadtkinos keinen Einfluss.

Spies lehnt auch Ideen ab, ein kommunales Kino in den Oberstadtkinos aufzubauen: „Für uns als Stadt kommt es nicht infrage, am Standort Steinweg eine subventionierte Konkurrenz für diese preisgekrönten Marburger Kinobetriebe zu etablieren und damit die bewährten Kinobetriebe zu gefährden.“

von Uwe Badouin