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Schlaflos unter dem Kirchendach

Fotos von Florian Conrads Schlaflos unter dem Kirchendach

Eine Überraschung erwartet Besucher der Stadthalle, wenn sie die Treppe ins Foyer hinaufsteigen: Großformatige Fotografien des Dachstuhls der Elisabethkirche.

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Ein Blick in den Dachstuhl der Marburger Elisabethkirche (oben). Das kleine Foto zeigt den Marburger Fotograf Florian Conrads (links) mit Pfarrer Achim Ludwig von der Elisabethkirchengemeinde. Conrads hat die Fotos in drei Nächten unter dem Kirchendach „g

Marburg. Geheimnisvoll strahlt das historische Gebälk dem Betrachter auf den großen Fotos entgegen - ein Gebälk, das Besucher der Elisabethkirche vermutlich nur ganz selten zu sehen bekommen.

Unwillkürlich fragt man sich angesichts der Fotos, wie die Bauherren damals die Statik berechneten. Die Baumeister waren aber so gut, dass dieses Gebälk die Jahrhunderte unbeschadet überstanden hat und noch heute das Dach der auch kunsthistorisch bedeutenden Kirche trägt.

„Licht ins Dunkel“ gebracht hat der Marburger Künstler und Fotograf Florian Conrads. Seine Präsentation wurde vergangene Woche vom Vorsitzenden des Marburger Kunstvereins, Dr. Gerhard Pätzold, vor etwa 140 Besuchern im oberen Foyer der Stadthalle eröffnet. Es ist voraussichtlich die letzte Ausstellung des Kunstvereins vor der Renovierung der Stadthalle.

„Wer Licht ins Dunkel bringen will, muss immer wieder einmal einen anderen Blickpunkt wählen als die übliche Position, muss seinen Standort verändern, von dem man üblicherweise auf die Dinge schaut. Genau das hat Florian Conrads getan“. Mit diesen Worten begann Pfarrer Achim Ludwig, Vorstand der Elisabethkirchengemeinde, seine Interpretation der Ausstellung, in der er aus seiner Begeisterung für die Bilder keinen Hehl machte.

Man brauche Geduld, um neue Blicke zu gewinnen. Um die eigentliche Struktur einiger Sache erkennen zu können, müsse einiges entfernt werden, das den Blick darauf verstelle, meinte Ludwig weiter und ergänzte: „Und man braucht für neue Einblicke auf Altvertrautes - auch im übertragenen Sinne - ungewöhnliche Lichtquellen“

Dies alles hat Florian Conrads getan: Drei Nächte in Folge verbrachte er im Dachstuhl der Elisabethkirche.

Die vollständige Dunkelheit überlistete er mit einer eigens entwickelten, mobilen Beleuchtungstechnik. In der Nachbearbeitung wurden die Spuren der Moderne wie Kabel oder Steckdosen entfernt. So sieht man den unverändert erhaltenen Dachstuhl in einem Zustand, wie er sich vor knapp 800 Jahren darstellt.

Es sei eine „Archäologie dies Sehens“, meinte Professor Arbogast Schmidt, einer der Besucher der Vernissage.

Florian Conrads arbeitete mit Langzeitbelichtungen: Oft galt es mehr als 5 Minuten zu verharren, bis sich die geöffnete Blende seiner Kamera wieder verschloss - und dies mehrere hundertmal in den drei Nächten.

Florian Conrads berichtete bei der Ausstellung von seinen langen Nächten unter dem Dach der Kirche. Nahezu spirituelle Eindrücke überraschten ihn, als - gegen Mitternacht am ersten Aufnahme„tag“ Orgelspiel den Dachstuhl ausfüllte, ausgelöst durch einen der Organisten, den es auch des Nachts in die Kirche zog.

Ansonsten bestand die Geräuschkulisse aus dem Knacken des Holzes oder dem Flügelschlag von Vögeln, die durch den Dachstuhl schwirrten.

Nur am Ende der letzten Nacht und bei seiner letzten Aufnahme - schon durch Übermüdungserscheinungen sensibilisiert - trieb Florian Conrads ein unerklärliches, lautes Dröhnen aus dem Dachstuhl. Es habe Stunden gedauert, bis sich die Herzschlagfrequenz beim Versuch, Schlaf nachzuholen, wieder beruhigte.

n Besucher von Veranstaltungen der Stadthalle können die Arbeiten unaufgeregt betrachten. Die Ausstellung läuft bis mindestens Dezember 2012.

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