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Marburg Schäfer-Gümbel: Die Beschwörung des Wir-Gefühls
Marburg Schäfer-Gümbel: Die Beschwörung des Wir-Gefühls
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18:15 22.04.2018
Marburg

Doch bei aller Ruhe und Abgeklärtheit gibt es ­Dinge, die einem in den Kleidern stecken bleiben. Die „Hölle“ ­seien die ersten Monate für ihn gewesen nach jenem Parteitag im Dezember 2008, als Schäfer-Gümbel den Parteivorsitz übernahm: „Es gab so ziemlich ­keine Beleidigung gegen mich, die nicht ausgesprochen wurde“, erinnerte sich Schäfer-Gümbel am Donnerstag im Redaktionsgespräch mit der OP.

Über die Frage, ob er gern nach Marburg komme, muss der Landtagswahl-Spitzenkandidat nicht lange nachdenken. Doch es sind nicht das Landgrafenschloss und die Elisabethkirche, die Schäfer-Gümbel faszinieren: „Ich habe nach wie vor ein exzellentes Verhältnis zu Thomas Spies und viele Kontakte mit Landrätin ­Kirsten Fründt.“

Lässt dieses „exzellente Verhältnis“ Raum für Spekulationen zu? Ist Thomas Spies vielleicht eine personelle Option für den Mann, der antritt, am 28. Oktober Volker Bouffier und dessen schwarzgrüne Landesregierung vom Sockel zu stoßen? „Mein Schattenkabinett werde ich früher vorstellen als in der Vergangenheit – unmittelbar nach der ­Sommerpause.“

Zu Personen sage er jetzt nur so viel: „Es gibt in meiner Partei so viele gute Leute, dass ich mehr als nur ein Kabinett besetzen könnte.“ Viel zu früh ­also noch für Personaltableaus, und wichtiger als Namen sind ja ­bekanntlich Zahlen und Wahlergebnisse. Seinen „Zukunftsoptimismus“ des Wahljahres 2018 speist Thorsten Schäfer-Gümbel aus zwei Quellen. Zum einen sagt er: „Ich bin so gut vorbereitet wie nie zuvor.“

„Wir werden viel über Zukunftsthemen reden“

Zum anderen befindet der Sozialdemokrat – in Schulnoten gesprochen: „Die schwarzgrüne Landesregierung hat sich in zentralen Themen ein ,Mangelhaft‘ ausgestellt.“ ­Insbesondere die CDU sei seit 19 Jahren in hessischer Regierungsverantwortung verbraucht.

Da spricht jemand, der – vorerst zumindest als Sachbuchautor – die „sozialdigitale Revolution“ wagen will, der gleichzeitig aber weiß, dass der Wahlkampf 2018 kein Selbstläufer wird. Solche Selbstläufer haben Hessens Sozialdemokraten wohl auch seit den Tagen Holger Börners und Hans Eichels kaum mehr erleben dürfen.

Im bevorstehenden Wettstreit um Wählerstimmen mit Zukunftsthemen punkten zu wollen, ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal der SPD – Schäfer-Gümbel sagt’s trotzdem: „Wir werden viel über ­Zukunftsthemen zu reden haben.“ Inhaltliche Schwerpunkte des sozialdemokratischen Zukunftsplans? „Es wird um Bildungsgerechtigkeit gehen und in diesem Zusammenhang unter anderem um die Gleich­wertigkeit von dualer und ­akademischer Ausbildung.“

Ein zweiter Punkt in Schäfer-Gümbels Agenda: die Mobilität in Stadt und Land. „Dabei geht es auch um industrielle Standortpolitik.“ Um Hessen Mobil müsse man sich kümmern, das „in den zurückliegenden Jahren zusammengestrichen ­wurde mit der Folge, dass die Planungskapazitäten für die Infrastruktur nicht reichen“.

Dann noch ein Appetithäppchen für die Menschen auf dem flachen Land: „Es wird außerdem um die Möglichkeiten der Reaktivierung von Bahn-Neben­strecken gehen.“ Und eines für gestresste Bahnpendler in die Ballungsräume: die Frage eines neuen Gleises von Mittelhessen nach Frankfurt. „Dieses Projekt ist jahrelang liegengeblieben.“

Die SPD wäre nicht die SPD, käme ihre Kampagne ohne das Thema „bezahlbarer ­Wohnraum für alle“ aus. Ganz wichtig ist dem Chef der hessischen Genossinnen und Genossen an diesem Punkt, nicht nur Flagge zu zeigen im sozialen Wohnungsbau, „sondern auch für Familien mit normalem Einkommen, die ohne öffentliche Hilfe für ihren Wohnraum voll bezahlen müssen“.

Interpretation des Nichtgesagten

Für das Zusammenleben der Menschen in Hessen sei es wichtig, nicht die Ballungsräume und den ländlichen Raum bei der Wahrung ihrer jeweiligen Interessen gegeneinander auszuspielen. Dass die Konzepte der SPD in dieser Hinsicht im ländlichen Raum ankommen, glaubt Schäfer-Gümbel, der es für „eine Mär“ hält, eben dieser ländliche Raum sei nicht sozial­demokratisch geprägt: „Das sieht man in Marburg-Biedenkopf unter anderem daran, dass Angelika Löber Thomas Schäfer das Direktmandat abgenommen hat oder dass Kirsten Fründt hier Landrätin wurde.“

Wo die Frage nach Regierungspartnern gestellt wird, ist der Begriff der „Ausschließeritis“ nicht fern. Auch der SPD-Spitzenkandidat bemüht jene Vokabel, für die der Grüne Tarek Al-Wazir das Copyright beansprucht. Wer aus den automatisch ablaufenden Politiker-Soundschleifen zum Koalitionsthema irgendeinen Erkenntnisgewinn ziehen will, muss genauestens hinhören und zudem eher das Nichtgesagte interpretieren.

Schäfer-Gümbels Soundschleife: „Keine demokratische Partei schließt irgendetwas aus. Jeder kann irgendwie mit jedem, weil das in einem parlamentarischen System so sein muss.“

Doch dann sagt er, befragt nach der Möglichkeit einer großen Koalition auf Hessenebene, diesen Satz: „Wir schließen auch eine große Koalition nicht grundsätzlich aus, aber die gemeinsame Basis von mir und Volker Bouffier ist sehr überschaubar.“ Also dann, wenn’s reicht, doch lieber mit den Grünen? Auch mit den Grünen, wie sie sich an der Seite der CDU ausgerichtet haben? Knappe Ansage: „Ich habe keine Haltungsnoten in Richtung Grüne zu vergeben.“

Wie gesagt: Erst einmal nichts ausschließen. Oder fast nichts, denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass die „Alternative für Deutschland“ auch die Bühne des hessischen Landtags entert.

„Die Frage des Umgangs mit der AfD nach der Wahl beschäftigt uns nicht vordringlich“, sagt Schäfer-Gümbel. Erklärtes Ziel sei, dafür zu sorgen, dass sie erst gar nicht in den Landtag ­einziehe: „Dafür müssen wir genau die Alltagsfragen beantworten, die mögliche AfD-Wähler stellen.“

Für den bevorstehenden Bundesparteitag in Wiesbaden an diesem Wochenende erwartet Thorsten Schäfer-Gümbel ­eine „klare Wahl von Andrea Nahles“ zur Vorsitzenden der Bundespartei. Er werbe sehr für sie, sagt der Gastgeber des Bundesparteitages und erklärt auch, warum: „Die Zusammenarbeit zwischen mir, Olaf Scholz und Andrea Nahles ist exzellent. Wir ticken so, dass wir für Politik auf der langen Linie stehen und nicht auf kurzfristige Schlagzeilen setzen.“

Ein weiterer gemeinsamer Nenner des Dreigestirns: „Wir wissen, was wir können, kennen aber auch unsere Schwächen.“ Welche Schwächen hat er denn im Jahr 2018, jener Thorsten Schäfer-Gümbel? Immer noch die gleichen, die ihm vor zehn Jahren vorgehalten wurden? Kurzes Nachdenken mit jenem TSG-Blick vorbei am Gesprächspartner in den leeren Raum, dann die Erkenntnis: „Ich bin manchmal zu ungeduldig, ich muss mich in meinen Forderungen an andere einbremsen.“ Er arbeite 80, 90 und in Wahlkampfzeiten 100 Stunden pro Woche: „Und das kann ich von anderen nicht verlangen.“

Politik als Mannschaftsspiel

Das ist alles? Ungeduld? Nein, vielleicht noch diese Einsicht: „Ich bin kein Volkstribun. Ich neige manchmal zu Schachtelsätzen, weil ich Dinge erklären will und nicht in Schwarz-Weiß-Kategorien denke. Weil die Welt nicht schwarz-weiß ist.“

Da hat Thorsten Schäfer-Gümbel recht, zurzeit ist sie zumindest in Hessen schwarz-grün. Doch Schäfer-Gümbel ist – er sagt das gern und immer wieder – Optimist. Einer, der seine Zuversicht auch darauf gründet, dass die hessische SPD Stärken hat: „Wir haben eine Parteiführung, eine Fraktion und einen Vorstand, bei denen alle auf das ,Wir‘ einzahlen und nicht auf das ,Ich‘.“

Politik als Mannschaftsspiel lautet die TSG-Floskel dazu, „noch Luft nach oben“ die Beschreibung des Wir-Gefühls auf anderen Ebenen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Man darf darauf wetten, dass Thorsten Schäfer-Gümbel auch in Wiesbaden versuchen wird, dieses Wir-Gefühl zu beschwören.

von Carsten Beckmann