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Sartre-Klassiker wird entrümpelt

Hessisches Landestheater Marburg Sartre-Klassiker wird entrümpelt

Das Hessische Landestheater feierte am Samstag Premiere mit Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“. Das Publikum spendete langanhaltenden Beifall für eine ebenso spannende wie unterhaltsame Inszenierung.

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Jessica (Annette Müller) und Hoederer (Daniel Sempf) kommen sich in „Die schmutzigen Hände“ näher. Es ist ihr Todesurteil.

Quelle: Katharina Dubo

Marburg. 1948, als Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ im Pariser Téâtre Antoine uraufgeführt wurde, gab es sie noch – kommunistische Gruppen im Untergrund, die die Weltrevolution vor Augen hatten. Der große französische Denker hatte das Stück vor dem Hintergrund des gerade beendeten Zweiten Weltkriegs und mit dem Wissen um den Mord an Trotzki geschrieben.

Aber heute? Der Sozialismus ist von der Landkarte der Welt gestrichen, der Kapitalismus hat auf ganzer Linie gesiegt: Die deutsche Mauer ist verschwunden, Russland ist an die Oligarchen gefallen und in China herrscht ein sozialistisch genannter Manchester-Kapitalismus.
Wie nähert man sich also einem Drama, das von Jean-Paul Sartres Zeitgenossen gegen die Intention des Autors oft als antikommunistisches Stück interpretiert wurde? Und das zudem nicht gerade als Unterhaltungsklassiker gilt.

Regisseur André Rößler, 32 Jahre jung und von der Fachzeitschrift „Theater heute“ als bester Nachwuchsregisseur nominiert und eine der großen Regiehoffnungen des deutschen Theaters, hat das Drama kräftig geschüttelt und den Staub aus 62 Jahren Theater- und Weltgeschichte weggefegt – nicht vorsichtig mit dem Staubtuch, sondern rigoros mit einem kräftigen Staubsauger.

Rößler verzichtet auf ein klassisches Bühnenbild. Es gibt kein wir hier unten im Saal, kein ihr da oben auf der Bühne. Ausstatterin Simone Steinhorst hat die Bühne mit einer riesigen Spiegelfolie verhängt. Die Zuschauer sehen sich und ahnen: Sie alle sind Teil des Spiels. Die vier Darsteller nehmen in den Zuschauerreihen Platz. Anfangs sind sie durch Jacken noch „getarnt“, darunter verbergen sich ihre „Uniformen“: grüne Adidas-Anzüge, deren Embleme in Bomben zeigen, deren Zündschnur bereits brennt.

Rößler trägt Sartres Stück mitten hinein in die Zuschauerreihen. Die Darsteller klettern über die Sitze, platzieren Bomben, hantieren mit Pistolen, verteilen Wikileaks-Auszüge, tauchen ab in der „Masse“ und sprechen das Publikum immer wieder direkt an: „Was würdet Ihr tun?“ Für die zweite Ebene, das „Spiel im Spiel“, hat Regisseur Rößler Statisten im Publikum platziert, als Attentäter oder Spielpartner.

Glücklicherweise hat Rößler ein mitreißend agierendes Ensemble zur Verfügung aus dem Annette Müller als mal verführerisches, mal naives, mal lebenskluges Mädchen Jessica herausragt. Und Rößler hat Witz. Das Drama wird bei ihm zeitweise zur Parodie. Diese Kombination macht die Aufführung zu einem sehenswerten, eindringlichen Theatererlebnis.

von Uwe Badouin

Den gesamten Artikel sowie die weiteren Aufführungs-Termine lesen Sie am Montag in der Printausgabe der OP.

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