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Marburg Am "Grüner Wehr" tut sich monatelang nichts
Marburg Am "Grüner Wehr" tut sich monatelang nichts
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00:21 19.11.2018
Kommt hier doch bald ein Betonpodest hin? Die Stadt hat in Sachen „Grüner Wehr“ seit Mai weder das Interessenbekundungsverfahren, noch das geforderte Kurzgutachten in Auftrag gegeben, stattdessen aber eine Archivrecherche. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Eigentlich waren sich Stadtverwaltung und die Bürgerinitiative „Grüner Wehr“ einig. Im Mai, also vor fünf Monaten, hatten sie verabredet, dass die Verwaltung ein Interessenbekundungsverfahren für einen­ Gutachter ausschreibt, der erst einmal ein Kurzgutachten erstellen soll. Aber es ist nichts passiert – fünf Monate sind ins Land gegangen, und es hat sich nichts getan.

Die Stadt erklärte auf Anfrage,­ dass „zunächst noch eine Archivrecherche beauftragt wurde.“ Betreut wird diese durch das Freie Institut für Bauforschung und Dokumentation hier in Marburg. Die Stadt erhofft sich durch diese zusätzliche Suche weitere Informationen über das Wehr zu bekommen, insbesondere aus dem Staatsarchiv. „Die Recherche dient dazu, nach Möglichkeit weitere Erkenntnisse über den Bau oder den Aufbau des historischen Wehres zu erhalten. Die Ergebnisse der Recherche sollen bis Ende November vorliegen“, informierte die Pressestelle. Dabei liegen schon zwei alte Gutachten vor. Eines aus 2008, das sich auf Daten aus den 60er-Jahren bezieht.

Die Ergebnisse aus der Archivrecherche sollen Ende November vorliegen. Dann wird ­erneut getagt. Oberbürgermeister, Bürgermeister, Bauamtsleiter und Vertreter der Bürgerinitiative treffen sich wieder und beratschlagen beziehungsweise diskutieren über das, was die Archivrecherche hervorgebracht hat. Vermutlich wird es wenig­ neue Fakten geben, vor allem­ was die Standfestigkeit des Wehrs angeht.

Kurzgutachten auf unbestimmte Zeit verschoben

Durch die von der Stadt beauftragte Archivrecherche ist auch das Kurzgutachten, auf das sich alle Parteien im Mai geeinigt hatten, auf unbestimmte Zeit verschoben. Da es noch kein Interessenbekundungsverfahren gibt, gibt es keinen Gutachter und deswegen auch kein Kurzgutachten. Das sollte eigentlich zwei Fragen klären: „Wie standfest ist das Wehr?“ und „Gibt es grundsätzlich andere Sanierungsmöglichkeiten, um den Baukörper des Wehrs mit gleicher Stabilität, Standfestigkeit sowie denkmalgerecht und ­naturnah zu erhalten?“

„Unser Ziel ist es, das ­Natur- und historische Denkmal schonend zu sanieren und keine­ ­Betonwüste daraus zu machen“, betonte Hartmut Lange in ­einem OP-Gespräch. Denn die Stadt hatte schon im Februar den Plan, das Wehr einfach zu betonieren. Nur durch Zufall ist dieser Plan an die Öffentlichkeit gekommen, hat sich die Bürgerinitiative gegründet, die sich auch ein bisschen als Opposition versteht.

Initiative hat Stopp der städtischen Planung erreicht

Den Stopp der städtischen Planung hat die Initiative auch durch eine Unterschriftenaktion erreicht. 4.000 Unterschriften kamen zusammen, ­zusätzlich beteiligten sich 1.800 Menschen ­an ­einer Online-Petition. Alles wurde dem Magistrat noch im August überreicht.

Mittlerweile hat die Bürgerinitiative auch das Niedrigwasser genutzt, um Aufnahmen mit der Drohne über den derzeitigen Zustand sicherzustellen. Diese sollen dem Gutachter, der vielleicht irgendwann einmal beauftragt wird, zur Verfügung ­gestellt werden.

von Katja Peters

Hintergrund

Die Februar-Sitzung des Ortsbeirates Weidenhausen bestätigten die Gerüchte, die seit Tagen in dem Stadtteil umher flirrten. Kanurutsche und Aussichtsplattform, Betonierungen und Baumfällungen sowie ein anderer Strömungsverlauf machen die Anwohner sprachlos. Kurz danach gründete sich die Bürgerinitiative „Grüner Wehr“. Die öffentliche Diskussion beginnt: „Zerstörung eines Baudenkmals“, „massive­ Eingriffe in die Natur“, „sinnlose Touristenattraktion“ – mit Protestplakaten machen die Weidenhäuser ihrem Ärger Luft.

Dann beginnt der Gutachten-Streit. Die vom Bauamt als Grundlage für das Vorhaben angeführten Untersuchungsergebnisse mehrerer Gutachten werden angezweifelt. Unter den Kritikern sind neben Weidenhausen-Bewohnern auch Denkmalschützer. Auf Druck der Öffentlichkeit und der ­Opposition kommt der Magistrat der Gutachten-Veröffentlichungsforderung nach. Das Misstrauen gegenüber Magistrat, Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik wächst. Um die Wogen zu glätten, lädt der Magistrat zu einem dreistündigen Workshop ein. Zeitgleich gibt es ein neu formuliertes Anti-­Wehrumbau-Schriftstück. Kernforderung: Minimal-­Sanierung statt Abriss und Neubau.