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Marburg 200 neue Wohnungen sind fertig
Marburg 200 neue Wohnungen sind fertig
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00:16 29.12.2018
Über mehrere Hundert Meter erstreckt sich die Bebauung des Projekts „Allee Nordend“ in der Neuen Kasseler Straße. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Vor sechs Jahren unterzeichnete Karsten Schreyer, Geschäftsführer von S+S Immobilien, die Kaufverträge für die Grundstücke zwischen Neuer Kasseler Straße und Bahngleisen. Seit einigen Wochen ist das Wohnprojekt „Allee Nordend“ fertiggestellt, als letztes Puzzleteil wurde noch das Parkhaus realisiert. „Damals konnte sich niemand vorstellen, dass auf dieser Industriebrache überhaupt irgendwas hätte entstehen können“, sagt Schreyer – heute sehe es so aus, „als würden die Häuser schon immer dort stehen“.

Die reine Bauzeit hat laut Schreyer lediglich zwei Jahre­ ­gedauert – in dieser Zeit entstanden auf den mehreren Hundert Metern Länge gut 200 Wohnungen. „Es hat jedoch nahezu vier Jahre gedauert, bis der erste Bagger rollen durfte“, sagt Schreyer. Denn: Die Projektentwicklung in Abstimmung mit der Stadt sei extrem aufwändig gewesen – „es gab viele Hürden, über die man gehen musste, mit unzähligen Machbarkeitsstudien und Gutachten etwa über Lärmentwicklung und vieles mehr“, so der Geschäftsführer. Der damalige Oberbürgermeister Egon Vaupel habe Schreyers Vision Glauben geschenkt, „er hat mich auf einer vertrauensvollen Ebene an dem Projekt arbeiten lassen – das Endergebnis ist nun zu sehen, und das macht uns ein Stück weit stolz“.

Hohe Anforderungen an die Fassadengestaltung

Allerdings habe es auch Hindernisse gegeben – von Bombenfunden bis hin zu immer neuen Forderungen des Gestaltungsbeirats. Es werde mitunter „eine Architektur und eine Qualitätssprache in den Fassaden verlangt, die kein Mensch mehr bezahlen kann“, sagt Schreyer. Beispiele dafür seien etwa die Verkleidung des Parkhauses in der „Allee Nordend“ ebenso, wie die Fassadengestaltung des ­Projekts „Alte Gärtnerei“ in der Alten Kasseler Straße oder die verschiedene Geschossigkeit der gerade entstehenden Häuser in der Eisenstraße.

„Als heimischer Investor habe­ ich leider immer mehr das ­Gefühl, dass die notwendige kooperative Zusammenarbeit durch immer mehr Barrieren erschwert wird“, sagt Schreyer. Das bedauere er, denn er habe noch viele Ideen für Marburg. Schreyer attestiert der Stadt weiterhin einen Bedarf von bis zu 5.000 Wohnungen in den kommenden zehn Jahren.

Er sei schon verwundert darüber, dass „ein Gebiet wie der Hasenkopf, für den ein Konzept schon seit mehr als 20 Jahren in der Schublade schlummert, erst jetzt wieder herausgeholt wird – und man diskutiert jetzt darüber, was in sieben Jahren passieren kann. Das darf in einer Stadt wie Marburg eigentlich nicht passieren.“ Karsten Schreyer fehle „der frühzeitige Weitblick und die nachhaltige Vision für Marburg“. Für ihn ist klar: „Würde am Hasenkopf die Kooperation mit privaten Projektentwicklern gesucht, ließe sich eine Bebauung innerhalb von drei bis vier Jahren realisieren“.

Insgesamt dürften Nachverdichtung und Aufstockung genauso wenig ein Tabu sein, wie auch „mal ein sieben- oder zehngeschossiges Gebäude, das verträgt Marburg nämlich sehr wohl, wenn es architektonisch gut gemacht wird“, ist er sich ­sicher. Es gehe nicht darum, ­„einen zweiten Affenfelsen zu bauen“. Doch durch die topographische Lage und die wenigen verfügbaren Flächen sei ein Abrücken von bisherigen Denkweisen vonnöten.

Schreyer moniert Baupolitik der Stadt

Auch die Umwidmung von Gewerbeflächen in Mischgebiete sei eine Option, schnell Wohnraum zu schaffen – etwa in der Alten Kasseler Straße, wo S+S ein Grundstück als Gewerbefläche besitzt. „Dafür gibt es ein Konzept kombiniert aus Wohnungen, Boarding-Haus und ­einer Grundstücksparzelle, die ich günstig an die GeWoBau abgegeben hätte, damit die dort Sozialwohnungen bauen könnten“, sagt Schreyer. So seien „auf kurzem Dienstweg 120 Wohnungen schnell möglich“. Doch gehört habe er seit der Einreichung des Konzepts vor einigen Monaten bisher nichts mehr.

Womit der Unternehmer weiterhin hadert, ist die seit 2016 geltende Sozialquote. Die sieht vor, dass bei Bauprojekten mit 20 und mehr Wohnungen automatisch 20 Prozent der Wohneinheiten als Sozialwohnraum zur Verfügung gestellt werden müssen.

Dies würden andere Bauträger jedoch umgehen, moniert Schreyer und nennt Beispiele: So habe die VR Bank Hessenland im Stadtwald gebaut – ohne Sozialwohnungen, weil das Projekt laut Stadt vor Einführung der Sozialquote eingereicht worden sei, „den Bauantrag habe ich aber auch auf Nachfrage nie zu ­sehen bekommen“, sagt Schreyer. Auch das jüngste Projekt der Netz GmbH mit drei Häusern und 20 Wohneinheiten im Stadtwald werde offenbar ­bewusst gestückelt, um das Quotenthema zu umgehen, denn: „Das Grundstück hat noch Platz für ein viertes Haus – wenn man sich das Projekt in Immobilienportalen anschaut, dann sind dort auch Pläne mit vier Häusern zu sehen. Es ist nicht in Ordnung, dass andere Unternehmen, die in Marburg keinen Euro an Gewerbesteuer lassen, die Sozialquote mit solchen Tricks umgehen können.“ 

Investor spricht von "unnötigen Hürden"

Karsten Schreyer verdeutlicht, dass er kein Problem damit ­habe, die Sozialwohnungen zu bauen – „wenn dann die Stadt mit ihrer GeWoBau die Wohnungen übernehmen würde“. So sei es in vielen Städten geregelt – „nur in Marburg ist es anders“.

Durch immer mehr „unnötige Hürden“ werde das Unternehmen trotz eines großen Bedarfs in Marburg „förmlich als heimischer Investor gezwungen, unsere Bauaktivitäten in andere Städte zu verlagern, wo man unsere Leistung sehr willkommen heißt, anstatt aus Marburger Sicht unsere Kapazitäten, Ressourcen und Arbeitsplätze in unserer Stadt selber zu halten und zu nutzen“.

von Andreas Schmidt