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Marburg Abschied einer charmanten Gaunerin
Marburg Abschied einer charmanten Gaunerin
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16:51 25.04.2017
Am 1. Mai steht die australische Songschreiberin Ronnie Taheny auf der Bühne der Marburger Waggonhalle. Quelle: Koller-Mohr
Marburg

Wer Ronnie Taheny ein bisschen kennt, mag ihr das nicht so ganz abnehmen: Keine Konzerte mehr in Europa? Nach gut 20 Jahren im Geschäft kein Rampenlicht mehr? Die Australierin hat sich, seit sie mit ihrem Gitarrenkoffer zum ersten Mal Fuß auf europäischen Boden setzte, eine treue Fanbase erspielt – auch in Marburg, wo Taheny immer wieder auf der Bühne stand. Am 1. Mai wird sie zum letzten Mal Station in der Uni-Stadt machen: Ab 20 Uhr spielt sie in der Waggonhalle; als Opener sind „Howdiemania“ mit Guido Pöppler („Moon­ages“) und Carsten Beckmann („Marburger Lyrikkompanie“) zu sehen.

Ronnie Tahenys Laufbahn liest sich wie ein künstlerischer 
Action-Krimi: In Jerusalem flogen ihr Kugeln um die Ohren. Sie ließ sich nach Bosnien einschmuggeln, sprang in Antwerpen aus einem brennenden Haus. Sie schlich sich ins Athener Olympiastadion ein und lief dort eine Ehrenrunde – Szenen aus dem unkonventionellen Touralltag einer ungewöhnlichen Songwriterin. Als Rebellin auf Reisen hat Ronnie Taheny ihre Musik weltweit bekannt gemacht. Luka Bloom, Billy Bragg und Aimee Mann sind nur einige der vielen Künstler, deren Pfade sich mit denen der australischen Powerfrau mit den blonden Dreadlocks kreuzten.

 „Howdiemania“ mit Guido Pöppler (links) und Carsten Beckmann spielen im Vorprogramm von Ronnie Taheny. Privatfoto

Auf der Bühne gibt Ronnie Taheny die charmante Gaunerin, die mit unerschöpflicher Energie durch ihr Repertoire pflügt. Ihre Stories, ihr Pianospiel oder die Prügel, die die zwölfsaitige Gitarre abbekommt – Taheny ist immer scharfzüngig und schlagkräftig, warm und humorvoll, provozierend und menschlich zugleich.

Bis heute hat sich Ronnie die Gabe bewahrt, mit einem breiten Grinsen gegen Dogma und Obrigkeitsdenken zu kämpfen – vorausgesetzt, sie hat Spaß dabei. Mitte der 90er Jahre arbeitete Taheny in Irland und fasste in der Folge auch in den USA Fuß. 2002 brachte einen weiteren Karriereschub, als Ronnie Taheny bei Bertelsmann als Songschreiberin anheuerte – und dort unter anderem für BMG-Star Sasha Songs schrieb, die Millionen Fans 
erreichten.

Ihre Erfahrungen aus der Karriere als unabhängige Künstlerin gibt Ronnie Taheny seit einigen Jahren an jüngere Musiker weiter – als Agentin, Produzentin und Tourmanagerin. Auf ihrem eigenen Label Arty Records ist mittlerweile ihr neuntes Studioalbum „Start!“ erschienen. Daneben lehrt sie an der Musikhochschule von Adelaide.

Aus dem Urlaub auf Tournee

Und wer mit ihr durch ihren Wohnort Christie’s Beach schlendert, hört nicht selten einen Jungen oder ein Mädchen über die Straße rufen: Good morning, Miss Taheny!“ Auch als Musiklehrerin hat die Australierin also ihre 
kleinen, treuen Fans, und wer die Powerfrau aus „Down Under“ live erlebt, bekommt eine Ahnung davon, dass bei Ronnie Taheny selbst Blockflötenunterricht Spaß machen kann.

Den ersten Teil ihrer Abschiedstournee hat Ronnie gerade hinter sich gebracht und die ungewohnte Kälte für ein paar Tage gegen die Strände Tunesiens eingetauscht. Die passionierte Schwimmerin hatte sich vor Jahren einmal das Ziel gesetzt, von jedem Anrainerstaat der Mittelmeers aus in die Wellen zu tauchen – Tunesien war bis dato noch ein weißer Fleck.

Bestens erholt und wahrscheinlich mit einer Handvoll schräger Tunesien-Anekdoten wird sich Ronnie Taheny dann am 1. Mai in der Waggonhalle ihrem Marburger Publikum präsentieren. Zum unwiderruflich letzten Mal? Vermutlich. Es sei denn, es gelänge ausgerechnet den Marburger Fans, die Australierin umzustimmen. Einen Versuch wär’s wert …

von Carsten Beckmann