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Rodungsarbeiten mit der Feder

Roman Hermann Hofers Rodungsarbeiten mit der Feder

Autobiographisches steckt in dem neuen Roman Hermann Hofers, der aus der Perspektive einer Frau geschrieben ist. Zum Teil spielt er in Marburg.

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Hermann Hofer alias Charles Ofaire las im Café Vetter aus seinem neuen Roman „Ich, die Fransentochter“.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Und das ist offenkundig eine Stadt, zu der der ehemalige Romanistikprofessor der Philipps-Universität eine „ziemlich gespaltene Beziehung“ hat. „Das nennt man Autorentücke“, erklärte Professor Hermann Hofer den etwa 40 Zuhörern, die zu seiner von der Neuen Literarischen Gesellschaft veranstalteten Lesung ins Café Vetter gekommen waren.

Er hatte einleitend die Protagonistin seines zweiten Romans mit dem Titel „Ich, die Fransentochter. Ein ruhiges Tagebuch aus dem Jahre 1989“ beschrieben und kurz in die Handlung eingeleitet, aber genug offen gelassen, um die Neugier der Zuhörer anzuregen. Schließlich wolle er, dass sie sein Buch im Anschluss an die Veranstaltung kaufen und lesen.

Bevor er die erste von drei ausgewählten Passagen vortrug, schickte der in der Franche-Comté, im Jura und in Bern aufgewachsene Autor, der zur Abgrenzung von seiner wissenschaftlichen Arbeit seine Romane unter dem Namen Charles Ofaire veröffentlicht, voran, dass er beim Schreiben ein doppeltes Risiko eingegangen sei. Zum einen schreibe er aus der Sicht einer Frau, zum anderen in einer Sprache, die er nur gelernt habe.

Diese in Marburg lebende, 1944 ganz weit im Osten Deutschlands geborene Frau erlebt eine tief greifende Veränderung durch eine Krebserkrankung und Brustamputation. 1989 geht sie endlich auf die Suche nach ihrem in Frankreich verschollenen Vater, den sie nie kennen gelernt und über den sie kaum etwas erfahren hatte.

„Reisende tragen Reiserouten auf sich, ich bin aber keine gewöhnliche Reisende. Reisewege gibt es für mich nicht, ich muss sie selber schaffen. Die Wege liegen in mir, sind vom Grün, Unkraut und Dschungel der Zeit überwuchert und zugewachsen. Ich werde wohl mit meiner Feder auch eine Rodungsarbeit vollbringen müssen, das ist mir schon jetzt klar“, so las Hofer mit deutlich schweizerischem Akzent in ruhigem Duktus, der gegen Ende der Lesung lebhafter und expressiver wurde.

Dass sich darin andeutende und zu vermutende autobiographische Element bestätigte Hofer im Gespräch mit dem Publikum unumwunden. Was der  Anlass für den sehr grüblerisch und pessimistisch klingenden Roman gewesen sei, fragte eine Zuhörerin.
Erfahrung von Krankheit und Therapie umgesetzt.

„Es steckt etwas dahinter, was mich betrifft. Es geht um Marburg, die Stadt, zu der ich eine ziemlich gespaltete Beziehung habe“, antwortete .Hofer. Sie komme im Buch besser weg, als sie in Wirklichkeit sei. Die Erfahrung von Krankheit und Therapie habe er versucht, im Roman statt in autobiographischer Form umzusetzen.

Eine andere Hörerin wollte wissen, ob es von Bedeutung sei, dass die Frau aus dem Osten stamme, oder ob sie auch hier hätte geboren sein können. Daran habe er  nicht gedacht, sagte Hofer, aber aus der Herkunft aus dem Osten ergebe sich etwas, was er nicht bekannt geben wolle, damit alle das Buch lesen müssten.

Die Strategie des Autors ging auf: Von den zum Verkauf bereit liegenden Exemplaren blieben nur wenige übrig. Charles Ofaire:  „Ich, die Fransentochter“,  Axel Dielmann-Verlag, Frankfurt, 144 Seiten, 18 Euro.

von Manfred Schubert

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