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Marburg Rock-Dirigent mit zwei Taktstöcken
Marburg Rock-Dirigent mit zwei Taktstöcken
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21:05 28.10.2010
Der Bandleader hinter seiner Batterie von Trommeln und Becken. Jon Hiseman sagt von sich selbst: „Ich spiele nicht Drums, ich spiele die Band.“ Quelle: Thorsten Richter

Marburg. 1968 bildete das Wort „eklektisch“ ein Sinnpaar mit dem Begriff der Kreativität. 2010 ist das aus dem Griechischen entlehnte Wort, so es denn überhaupt noch verwandt wird, eindeutig negativer besetzt, nämlich eher als sinnarmes Sammelsurium. Warum dieser blutarme Ausflug in die Wortsemantik? Geht‘s hier nicht um Rockmusik? Oder Jazzrock? Oder Blues, Progrock, Artrock? Oder eben um ein bisschen von allem – eklektisch also?

„Ich hör‘ auf bei John Mayall“ Rom, Sommer 1968: Jon Hiseman lehnt über der Brüstung eines Aussichtspunkts des Forum Romanum, hält den Kopf in den Händen und murmelt: „Ich hör auf bei John Mayall und mach mein eigenes Ding – und ich nenne die Band ,Colosseum‘“. Die Frau, die an diesem heißen Tag in Italien neben ihm steht und knapp „Klar, mach das!“ antwortet, heißt Barbara Thompson.

Rom und Marburg, Herbst 2010: Das Colosseum steht immer noch. Hier wie dort. Konzentration auf Marburg: Hiseman und Thompson, Keyboarder Dave Greenslade, Bassist Mark Clarke, Sänger Chris Farlowe und Gitarrist David Clempson haben die Stadthalle mit einem Publikum gefüllt, das seine alten Vinylscheiben mitgebracht hat für die Autogrammstunde danach. Ein Publikum in einem Alter, das den langen, unbeirrten Weg einer ebenso virtuosen wie nonkonformistischen Band treu begleitet hat – vielleicht, weil es selbst eine immer größere Sehnsucht nach jenem 68er-Eklektizismus verspürt in Zeiten, in denen Kinder und Enkel nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, länger als 90 Sekunden an einem Song hängen zu bleiben. „Schon unsere Kinder hatten bei den Hausaufgaben immer den Fernseher laufen oder hörten Musik“, erzählt Jon im Gespräch mit dieser Zeitung: „Barbara und ich haben uns da erstmal schon Sorgen gemacht, aber die Kids haben Schule und Uni mit Bravour hinter sich gebracht – aber: Je multitaskingfähiger die jungen Menschen werden, umso geringer scheint ihre Fähigkeit zu sein, sich länger einer einzigen Sache zuzuwenden.“

Schlechte Karten also im Jahr 2010 für Teenager, sich etwa vom ersten bis zum letzten furiosen Takt in ein Werk wie die „Valentyne Suite“ zu vertiefen: Auf 16 Minuten und 53 Sekunden summieren sich die drei Sätze des Werks aus dem Jahr 1969 in der Studioaufnahme, die man nach der zupackend-konzentrierten Interpretation des Marburger Konzerts vielleicht nicht mehr ganz so gern aus dem Plattenregal ziehen wird. Schlechte Karten auch für Teenager bei Hisemans hochkonzentriertem Drumsolo, das im Zugabenteil den ewigen Klassiker „Lost Angeles“ einleitet – mit dem vielleicht spannungsreichsten Bottleneck-Solo, das je ein Gitarrist auf Marburger Bühnen spielte.

Jon Hiseman hat seine in dieser Woche erschienene Biografie nicht ohne Grund „Playing the Band“ betitelt. „Dem Autor Martyn Hanson war aufgefallen, dass der gemeinsame Nenner aller Formationen, in denen ich gespielt habe, mein Groove war“, erzählt Hiseman, der sich zwischen Hihat und Bassdrum als eine Art Dirigent, ja vielleicht gar als Puppenspieler sieht: „Barbara zum Beispiel – sie schreibt all dieses wunderbare Musik für ihre Band ,Paraphernalia‘, und ich bringe das dann alles so zusammen, dass es auf der Bühne oder im Studio funktioniert.“

Wer Colosseum auf der Bühne beobachtet, sieht einen Jon Hiseman, der zwischen seiner Beckenbatterie ein ausreichend großes Sichtfenster zur Band offengelassen hat – Clempson wie Clarke blicken immer wieder durch dieses Fenster, wie Kapellmeister mit ihrem Pultmaestro kommunizieren.

Und genau weil es diese Struktur gibt, weil Colosseum kein fröhlich jammender Stuhlkreis ist – genau deshalb gibt es auch heute noch jene Band, die in den 60ern den fatalistischen Gladiatorenwahlspruch „Die Todgeweihten grüßen Dich“ als Albumtitel nutzte.

Wie lange noch? „Alles hängt an Barbaras Gesundheit“, sagt Hiseman. Vor 13 Jahren diagnostizierten die Ärzte Thompsons Parkinson-Erkrankung. Wer ihr heute mit geschlossenen Augen und umso offeneren Ohren zuhört, erlebt eine beseelt spielende Ausnahme-Saxofonistin, die zum einen für Colosseum ein mehr als ebenbürtiger Ersatz für den 2005 gestorbenen Dick Heckstall-Smith ist.

Zum anderen hat sie die Schere zwischen dem eher kammermusikalischen Ansatz ihrer eigenen Kompositionen und der Rock-Attitüde von Colosseum weiblich-weise geschlossen – auf eine eklektisch-kreative Art, ganz im 68er Sinn.

von Carsten Beckmann