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Marburg Robo-Prof wird gefeiert, nur nicht in Marburg
Marburg Robo-Prof wird gefeiert, nur nicht in Marburg
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00:16 31.07.2018
Professor Jürgen Handke ist Vorreiter in Sachen digitaler Lehre – vor  allem, was den Einsatz von Robotern angeht. Quelle: Andreas Schmidt
Marburg

OP:  Herr Handke, wann werden Sie oder ihre Nachfolger, Professoren und Lehrer überflüssig?
Professor Jürgen Handke: Ich hoffe und bin mir sicher: nie. Was wir in der Lehre brauchen sind mehr Freiräume. Und zwar, um gute Betreuung, gute Arbeit mit den Studierenden, soziale Kontakte zu gewährleisten. Diese Freiräume muss man sich erkämpfen, denn die hat man in der üblichen Präsenzlehre nicht. Vorne stehen, vor 200 Leuten predigen, die dann nach sieben Minuten in den Tiefschlaf fallen, beim Mitschreiben schon nicht mehr wissen, was sie aufschreiben – diese klassische Lehre ist ein Auslaufmodell.

OP:  Also müssen auch Ihre Nachfolger an der Universität oder auch Lehrer an Schulen nicht bangen, überflüssig zu werden?
Handke: Die Kompetenzen, die Schüler in zehn Jahren haben sollen, sind gigantisch. Um das, was die alles können müssten, zu erreichen, gibt es seit 2016 von der Politik, von der Kultusministerkonferenz eine Anweisung für Schulbildung. Laut jetzt schon viele Jahre alter Konzepte ist es dafür in der Lehrerausbildung nötig, massiv Medien zu integrieren und alle für eine andere Art der Lehre fit zu machen. Aber die Hochschulen, auch das Zentrum für Lehrerbildung, haben bis heute nicht darauf reagiert, den Ball nicht aufgenommen. Gegenwehr oder mal drüber reden – mehr ist bis heute nicht passiert. Die Digitalisierung etwa in Lehramtsstudiengängen, also für die Lehrerausbildung, ist bundesweit kaum existent. In Marburg gibt es das ausschließlich in der Anglistik, sonst ist da nichts. Und das, was wir in dem Fachbereich aufgebaut haben, soll – aller Voraussicht nach – mit meinem Ruhestand 2020 nicht weitergeführt werden.

Zur Person

Der gebürtige Hannoveraner Jürgen Handke studierte zwischen 1975 und 1980 Englisch, Sport und Philosophie auf Lehramt in seiner Heimatstadt und von 1981 bis 1983 postgraduale Linguistik an der University of Reading (England). 1984 promovierte Handke mit einer Arbeit über Adverbialsätze im Englischen. Seit 1991 ist der 64-jährige Familienvater Professor in Marburg am Fachbereich Sprachwissenschaften. 

Er beschäftigt sich nicht nur mit Linguistik, sondern insbesondere auch mit dem Bereich des elektronischen Lernens. Mit seinem Team betreibt er zudem den „Virtual Linguistics Campus“ – eine Lernplattform für Sprachwissenschaften, die weltweit genutzt wird. Darüber hinaus erstellt Handke Lehrvideos selbst, die in seinem Youtube-Kanal frei zugänglich sind. Das Thema Digitalisierung und E-Learning beschäftigt Handke über seine Tätigkeit an der Marburger Universität hinaus. Er ist ebenso Mitglied des „Hochschulforums Digitalisierung“ und arbeitet dort in der Gruppe „Innovationen in Lern- und Prüfungsszenarien“ mit. Vom bayerischen Wissenschaftsminister wurde Jürgen Handke als Mitglied in die Strukturkommission berufen, die für die Konzeption der geplanten Universität in Nürnberg zuständig ist.

Handke erhielt 2013 den Hessischen Exzellenzpreis in der Hochschullehre, war 2015 Preisträger des Ars legendi-Preises für digitales Lehren und Lernen und wurde 2016 mit dem Preis für Innovation in der Erwachsenenbildung vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung ­ausgezeichnet.

OP:  Was kann ein Roboter besser, etwa besser vermitteln als ein Mensch?
Handke: Gar nichts. Er wird auch nicht als Vermittler eingesetzt. Vorträge halten geht nicht, beim Menschen macht der Zuhörer nach sieben, bei einem Roboter, der irgendetwas labert und präsentiert, nach einer Minute schlapp. Ein Roboter kann die Lehre nur unterstützen, dem Professor, dem Lehrer, das Lästige vom Leib halten.

Lustige Begleiter, die Freiräume erkämpfen

OP: Welche Rollen, welche Aufgaben sollte ein Roboter in der Lehre konkret übernehmen?
Handke: Die Dinge, die für mich eine Qual sind. Die Beantwortung banaler oder auch intelligenter Fragen, deren Antwort aber in Datenbanken abrufbar ist – die kann man doch der Technik übertragen. In der Zeit kann ich mich als Lehrer um etwas anderes, um wichtigeres kümmern, beispielsweise meine Studenten betreuen.

OP:  Trotz den Erfolgen, der ständigen Weiterentwicklung dieser Lehr-Technik ist die Entwicklung erst ganz am Anfang. Wie weit sollte es denn Ihrer Ansicht nach gehen mit dem Robotereinsatz? Wo könnte, wo sollte der Endpunkt sein?
Handke: Solange sie unterstützend wirken, können wir sie gebrauchen. Wenn sie lustige Begleiter, die uns Freiräume erkämpfen sind, sollten wir sie bedenkenlos einsetzen. Aber wenn es in den Bereich des Ersetzen von Menschen geht, wird es gefährlich. Da muss man dann gesellschaftliche Fragen stellen, ob wir das wollen oder nicht – zumal, wenn es dann auch optisch nicht mehr nur menschenähnliche und sympathisch wirkende Maschinen, sondern mit Haut und Haaren Androide sind. Da lauern tatsächliche Gefahren.

OP: Das System aus Vorlesung und Seminar, auch der Frontalunterricht hat jahrzehntelang abertausende Menschen als gut ausgebildete, hochqualifizierte Leute in das Berufsleben entlassen. Was ist daran schlecht?
Handke: Daran ist nichts schlecht, wir haben aber heute bessere Möglichkeiten. Welche, die man nutzen muss. Immer das gleiche machen? Manche Hochschullehrer sind damit sehr zufrieden, sie können die Folien aus Vorjahren aus der Aktentasche ziehen. Doch moderne Lehre bedeutet regelmäßige Anpassung, sich immer neue Dinge anzueignen. Wissen steht heute nicht mehr in Lehrbüchern, es steht im Internet und bleibt dort. Die Uni-Vorlesung ist ein Auslaufmodell, seitdem das Internet die Funktionen der Wissensvermittelung mit übernommen hat.

Im vergangenen Jahr wurden pro Minute 410 Stunden Youtube-Material hochgeladen. Am Ende eines Monats ist da bestimmt etwas Einführendes über BWL dabei. Und weil das so ist, muss man sich als Hochschullehrer doch nicht mehr hinstellen und Menschen in der Politikwissenschaft erklären, was ein Überhangmandat ist. Dazu gibt es ein sechsminütiges Video von der Bundeszentrale für Politische Bildung, das das schon macht. Diesen Inhalt muss nicht jeder nochmal neu erfinden und vermitteln.

Wir als Lehrende müssen vielmehr Qualität sichern: Dieses Video ist gut, das benutzen wir. So, wie wir das schon immer mit Büchern gemacht haben. Kapitel eins bis drei oder Minute vier bis sieben – es ist alles gleich, nur eben mit anderen technischen Möglichkeiten. Die Studenten wissen doch: Es steht alles im Internet, wieso müssen sie sich an einem kalten Wintermorgen aus Stadtallendorf nach Marburg bewegen, um Dinge zu hören, die sie mit zwei, drei Mausklicks nachlesen können? Die Lehreffizienz ist das entscheidende Thema und dank des Internets, dank der Roboter möglich wie nie.

Inverted Classroom

Das Konzept des „Inverted Classroom“ bedeutet „umgedrehtes Klassenzimmer“. Dabei wird die ganze Bandbreite an digitalen Medien, vor allem linguistische Lehrvideos, eingesetzt.

Das Grundprinzip kehrt die zentralen Aktivitäten des Lehrens und Lernens um. Die Vermittlung des Lernstoffs erfolgt nicht wie bisher während einer Veranstaltung wie der Vorlesung, sondern orts- und zeitungebunden vorab über das Internet und berücksichtigt das persönliche Lerntempo. Die nachgeschaltete Präsenzphase dient zum Vertiefen, Üben und Diskutieren des Gelernten. Individuelle Fragen der Studierenden werden aufgegriffen. Die in Marburg vom Team um Professor Jürgen Handke geschaffene elektronische Lernplattform „Virtual Linguistics Campus“ verzahnt das vorgelagerte Selbststudium der Studierenden über multimediale Lerneinheiten und digitale Prüfungsformen mit der Präsenzlehre.

OP:  Ihre Arbeit, die Entwicklungen in der Roboterlehre, sind auf Anglistik gemünzt. Ist das, was Sie tun, denn auf alle anderen Fächer übertragbar?
Handke: Absolut. Jedenfalls auf alle Fächer, die im Grundlagenbereich etwas zu vermitteln haben. Anatomie, Algebra, Informatik, Makroökonomie, Chemie: Da muss nichts mehr vorgetragen werden, da kann man Vorlesungen abschaffen. Es gibt natürlich Fächer, die sind sehr diskursiv und leben von der Debatte, dem Austausch. Doch auch da gibt es immer Grundlagen.

Beispiel Literaturwissenschaft, die Metrik in der Lyrik: Da macht man ein zehnminütiges Video und erklärt praktisch das Pentameter (Anm. d. Red.: ein antikes Versmaß) – wozu sollte man sich immer wieder in den Hörsaal stellen und da was machen? Auch die Struktur der Sonette von Shakespeare ist über ein Online-Video ein für alle mal erklärt worden, das muss keiner mehr tun. Stattdessen kann man die Sonette in den Unterricht mitbringen und sie sich mit Studenten anschauen – und schon ist die Lehre effizienter geworden.

OP: Schaffen sich die Unis als Institutionen über die freie Bereitstellung von Onlinekursen wie Videomaterial nicht selbst ab?
Handke: Der größte Vorteil der digitalen Lehre ist die Präsenzlehre. Das klingt widersprüchlich, weil jeder denkt, alles geht online, wozu also noch in den Hörsaal kommen? Der entscheidende Punkt ist doch, dass wir die Präsenzlehre beibehalten, aber eben top durchführen wollen. Aber sie soll eben nicht mehr wissensvermittelnd sein. Es kann nicht sein, dass sich Professoren im 21. Jahrhundert vorne ans Pult stellen und herunterleiern, was ohnehin im Internet steht. Vielmehr muss man sich neue Formen der Präsenzlehre ausdenken.

Man muss Studierende begleiten, ihnen Aufgaben stellen, mit ihnen diskutieren, mit ihnen forschen, ihre Kompetenzen weiterentwickeln.

Dafür muss der reine Wissens-Input aber vorher schon gelaufen sein. Die Studenten bekommen somit eine ganz andere ­Präsenzlehre. Bei mir geht das so weit, dass ich zwar auch 100 Teilnehmer im Kurs habe – und doch mit jedem von ihnen im Laufe des Semesters rede, auf jeden eingehen kann. Das ist der Clou, das gab es vorher nie. Natürlich ist das auch anstrengend, denn man kann sich nicht mehr hinter den alten Mustern verstecken. Doch ist es wesentlich effizienter für die Studierenden.

OP: Sie zeichnen das Bild eines Rollenwechsels, der Hochschullehrer wird zum Betreuer. Doch das erfordert ein hohes Maß an Interaktionsfähigkeit und didaktischen Fähigkeiten. Wie realistisch ist das?
Handke: Ja, man ist Coach und Lernbegleiter, kein Lehrer mehr. Man wird vom Weisen auf der Bühne zum Begleiter an der Seite der Studierenden. Am Pult verschanzen geht nicht mehr. Das ist, wie schon Bill Gates in den 1990er-Jahren sagte, die Lehre des 21. Jahrhunderts. Aktives Ansprechen, Barrieren durchbrechen – das ermöglicht eine intensivere Betreuung der Studenten.

Der eine hat bei Thema A Probleme, ein anderer bei Thema B, der nächste bei Thema C: Für eine neue Lehre in die Menge reinzugehen kann nicht jeder. Aber dazu wird bald jeder bereit sein müssen.

„Inverted Classroom“ stellt bisherige Praxis auf den Kopf

OP:  Klingt nach weit verbreiteter Bequemlichkeit.
Handke: Natürlich. Modelle wie Inverted Classroom stellen die bisherige Praxis auf den Kopf: Schon wenn ein neuer Kurs beginnt, haben die Studenten vorher Materialien bekommen, Inhalte lernen müssen. Sie sind ab der ersten Minute vorbereitet – und so geht es sofort an Übungen, an die Anwendung.

In der klassischen Lehre passiert in der ersten Stunde inhaltlich meist gar nichts, da werden organisatorische Sachen besprochen. Das ist Bequemlichkeit. Der Inverted Classroom hingegen ist für Lehrende absolut unbequem, verlangt wegen der permanenten Interaktion mit den Studenten eine gute Vorbereitung, in der Präsenzlehre muss man da richtig ackern.

OP:  Wieso haben Sie sich dem technischen Ansatz überhaupt gewidmet, ihn in der Lehre umgesetzt?
Handke: Ich hatte keine Lust mehr, Semester für Semester immer wieder das Gleiche zu erzählen. Es gibt doch viele Dinge, die man abspeichern und permanent anbieten kann, um stattdessen andere Sachen machen zu können. Mit einer Lehr-CD-Rom vor 20 Jahren ging das los.

An meinem Ansatz hat sich bis heute nichts geändert, nur ist die technische Entwicklung rasant geworden. Und damals wie heute sind Kollegen oder Studenten fuchsteufelswild geworden, haben sich auf jeden Fehler gestürzt und gemeint, das tauge alles nichts. Das hat sich ab 2010 geändert. Dann gab es Preise für unser Modell, Interesse und Akzeptanz sind gigantisch – allerdings nur außerhalb Marburgs.

OP:  Wie fühlt sich das bevorstehende Aus für das, was Sie aufgebaut haben, an?
Handke: Ich hatte mir mehr erhofft. Wahrscheinlich wird der Vir­tual Linguistics Campus, die größte Lernplattform für Linguistik, nach dem Ende meiner Tätigkeit nicht mehr genutzt. Ich hätte mir gewünscht, dass man überlegt, ob und wie man diesen Ansatz denn weiterfüh­ren, entwickeln, gar ausdehnen könnte.

Andere Hochschulen reißen sich darum, haben Interesse an einer Übernahme, bauen Videostudios und andere Elemente von digitaler Lehre auf. Der Weg wird also weitergegangen. Nur offenbar nicht in Marburg, obwohl hier dringend was geschehen muss.

OP:  Können die bestehenden Universitäten ohne umfassende Veränderung in der Lehre überleben?
Handke: Der Philosoph Richard David Precht sagt Nein, sie werden nicht überleben, es werden nur 40 Unis übrig bleiben. Das mag zugespitzt sein, aber was auch ich sehe: Die in Nürnberg neu gegründete Uni wird ab 2025 völlig neue Wege in der Lehre gehen und auch ganz neue Berufsfelder entwickeln. Diese Uni wird auf ganz Deutschland einen enormen Druck ausüben. Sicher ist die Reputation in der Forschung nur für wenig Studierende der entscheidende Grund für die Wahl des Studienortes, im Mittelpunkt der Entscheidungsfindung steht vielmehr die Qualität der Ausbildung.

Ein Schulabsolvent, ein Erstsemester fragt sich aber doch, was die Uni, die Stadt selbst ihm eigentlich bietet. Kann er sich mit einem Laptop überall in eine Ecke hauen, im Internet surfen und digitale Bücher lesen? Wie wird gelehrt und gelernt?

Wenn diese jungen Menschen dann hören, dass es in Marburg Vorlesungen und Seminare statt flächendeckenden WLAN und Online-Kurse gibt, extern erbrachte Leistungen im Studium nicht anerkannt werden, also generell noch Denken und Handeln aus der Vergangenheit herrscht – dann gehen diese Menschen eben woanders hin. Und wenn das so kommt – und das wird ohne radikales Umdenken so kommen – dann gibt es auch von der Politik kein Geld mehr für die Lehre.

Wenn ein Fachbereich von einst 1 000 auf 400 Studenten runtergeht, bekommt er das Geld, auch die Professuren, nicht mehr. Einfach, weil das Geld da nicht mehr benötigt wird. Das ist dann auch nur folgerichtig.

OP:  Roboterlehre, Videokurse statt Vorlesungen, autonomes Autofahren: Viele halten das, was Digitalisierung konkret bedeutet, immer noch für Science-Fiction. Verschlafen wir in Deutschland, das sich gerne als Ingenieur- und Innovationsmacht sieht, die Zukunft?
Handke: Wir haben es schon verschlafen. In Deutschland geht es doch beim Thema WLAN schon los: gibt es nicht überall. In Hongkong, auch in Moskau und anderswo, ist das undenkbar. Mit Händen und Füßen wird sich in Deutschland gegen Neues gewehrt. Immer werden nur Ängste und Risiken gesehen, man will bloß nicht mal auf den Bauch fallen – und sei es nur, um etwas zu lernen.

Und vor allem will man nicht teilen. Da gibt es das super Lehrvideo eines Mainzer Kollegen über Statistik, das die Studenten lieben. Das hier in der Lehre aber nicht eingesetzt wird, weil eben der Kollege darauf zu sehen ist. Also wird sich vom anderen Hochschullehrer lieber wieder selbst in den Hörsaal gestellt und auch über Statistik gesprochen oder gar das gleiche Video noch mal gedreht. Absurd. Das ist in USA oder Indien eben anders: Wenn etwas gut ist, wird es benutzt. Als Google-Street-View durch Marburg fuhr, haben sich hier alle versteckt und Datenschutz gebrüllt. In den USA hat man gefragt: Wann kommt ihr und was darf ich anziehen? In Deutschland behindern wir uns selbst am Fortschritt.

von Björn Wisker und Andreas Schmidt

Das sagt die Uni

Ist der Philipps-Universität die digitale Lehre wirklich egal? Und wird die Stelle von Jürgen Handke neu besetzt? Die OP hat nachgefragt – Christina Mühlenkamp von der Uni-Pressestelle antwortete.

OP: Wird die Stelle von Professor Jürgen Handke 2020 neu besetzt?
Christina Mühlenkamp: Die Professur wird planmäßig zum 1. April 2020 mit Ausscheiden von Herrn Handke unmittelbar wiederbesetzt. Es handelt sich um ein öffentliches Ausschreibungsverfahren. Um ab dem 1. April 2020 die Professur wieder besetzen zu können, sollen im zweiten Halbjahr 2019 der Ruf an die Nachfolge erteilt und die Berufungsverhandlungen aufgenommen werden.
Die Professur ist aktuell mit der Denomination „Sprachdidaktik und Sprachwissenschaft des Englischen“ ausgeschrieben, um das Studium des Lehramts an der Philipps-Universität zu stärken und fachdidaktisch attraktiver aufzustellen. Mit der klaren Fokussierung auf Didaktik und Sprachwissenschaft wird das bisherige Anliegen der Professur, die Lehre und Lehrforschung stark zu machen, weitergeführt.

OP: Was ist der Grund für die Abschaffung des Master-Studiengangs „Linguistics and Web Technology“?
Mühlenkamp: Der Master „Linguistics and Web Technology“ wurde wegen rückläufiger Studierendenzahlen ab Wintersemester 2017/18 eingestellt. Für eine Weiterführung wären zusätzliche dauerhafte Personalmittel erforderlich gewesen, die jedoch aufgrund der Einschreibezahlen nicht refinanzierbar waren.

OP: Was soll mit dem technischen Material aus der Anglistik (Roboter, Tablets, Videostudio, Software, Kameras) geschehen?
Mühlenkamp: Die technische Ausstattung wird weiterhin von Professor Handke und seiner Arbeitsgruppe genutzt – auch vor dem Hintergrund der Neubesetzung der Professur wird Professor Handke nach jetzigem Planungsstand weiterhin in seinen Themengebieten forschen.

OP: In welchen Fachbereichen wird das Lehrkonzept „Inverted Classroom“ derzeit umgesetzt?
Mühlenkamp: Das Modell ist ein wichtiger Baustein digitalen Lehrens und Lernens und wird in Studiengängen zahlreicher Fachbereiche genutzt. Die Philipps-Universität begrüßt den Einsatz digitaler Lehrformate, bei der es um die forschungsbasierte, fachlich orientierte Unterstützung und Verbesserung der Präsenzlehre geht. Die Entwicklung neuer digitaler Lehrformate wird unter anderem mit dem Lehrpreis „Lehre@Philipp“ gewürdigt – im vergangenen Jahr erhielten vier entsprechende Projekte eine Förderung von insgesamt rund 30.000 Euro.

OP: Wie bewertet die Philipps-Universität das Konzept von „Massive Open Online Courses“?
Mühlenkamp: An der Philipps-Universität Marburg ist das Gespräch Kernelement universitärer Lehre – daher kann diese nicht komplett durch digitale Angebote wie beispielsweise MOOCs ersetzt werden. Deren Entwicklung war eine notwendige Phase der Digitalisierung, die die Universität Marburg als Institution nutzt. Die Möglichkeiten der Digitalisierung gehen jedoch mittlerweile darüber hinaus.

OP: Wie viel Geld will die Philipps-Universität bis 2020 in die technische Ausstattung der Hochschule investieren?
Mühlenkamp: Der aktuelle Budgetplan sieht für die medientechnische Ausstattung von Unterrichts- und Veranstaltungsräumen Ausgaben in Höhe von 307.000 Euro für 2019 vor.
In der Universitätsbibliothek ist ein hervorragend ausgestattetes Studio eingerichtet worden. Roboter werden für Unterrichts- und Lehrforschungszwecke bis auf weiteres außerhalb der Informatik nicht von der Universität angeschafft. Kameras, Software, Roboter oder Tablets werden in der Regel dezentral beschafft, zentrale Ausgaben sind hier ebenfalls nicht in Planung.

OP: Welche verpflichtenden Inhalte sind im Lehramtsstudium in Bezug auf Medienkompetenz und Nutzung von technischen Mitteln in der Lehre vorgesehen?
Mühlenkamp: Im Rahmen vom Projekt „ProPraxis“ ist die Digitalisierung als eine große gesellschaftliche Herausforderung als Querschnittsthema der Lehrerbildung angelegt – Lehramtsstudierende können sich bereits jetzt ein individuelles Medienkompetenzportfolio ­zusammenstellen.

Standpunkt

Wer den Kampf um Köpfe gewinnt

Verpasst die Philipps-Universität bei der Digitalisierung – und sei es auch nur in einem der vielen Einzelaspekte – den Anschluss, verhaftet sie in Strukturen des 20. Jahrhunderts, wird das üble Konsequenzen ­haben. Die Uni als solche ist dann in Gefahr. Bröckelt da etwas, sind es statt 27 500 nur noch 15 000, 10 000 Studenten, müssten auch die Stadt Marburg, die Bewohner um viele Gewohnheiten und Wohltaten fürchten. Denn an der Entwicklung der Philipps-Universität, an der Zahl der Eingeschriebenen hängt die Zukunft der Stadt nicht minder ab als von der Wirtschaftskraft der Pharma-Firmen Behringwerke. Und Neu-Studenten werden sich künftig mehr denn je überlegen, welcher Lernort ihnen und ihren Bedürfnissen was bietet. Im Kampf um Köpfe mischen bald Akteure mit, die einst keine Konkurrenz waren, sich aber früher zur Digitalisierung aufmachten und bald die Früchte dieser Saat ernten werden. Denn schon die Schüler der ­Gegenwart sind in Bezug auf den Einsatz technischer ­Mittel gänzlich anders drauf als je zuvor. Die jungen ­Menschen des 21. Jahrhunderts denken und leben in digitalen Sphären. Für sie ist das Internet, dessen Benutzung in all seinen Möglichkeiten wie das Einatmen von Sauerstoff. Und diese Selbstverständlichkeit werden die Neu-Studenten an Traditions-Universitäten so nicht antreffen. Die digitalsten Menschen der Geschichte werden eher in einen analogen Anachronismus geworfen. Denn eines ist klar: Die Technik wird im Alltag wie im Hörsaal immer mehr Raum einnehmen. Online-Kurse werden zunehmen, Video- wird stärker als Bücherstudium und Roboterlehre wird das Lehrer-Berufsbild mindestens massiv verändern. Die Weichen für diese unaufhaltsamen Trends kann und muss man früh stellen – wer wartet, wer gar Entwicklungen ­zurückdrehen will, verliert. Und so drohen alle Traditions-Universitäten den Anschluss zu verlieren, an den bereits vor Jahren gestellten Aufgaben zu scheitern, international abzustürzen und national abzuschmelzen, perspektivisch unterzugehen. Mit den Mitteln, mit den Denk- und Handlungsweisen des 20. Jahrhunderts wird man das 21. Jahrhundert nicht überdauern. Die Unis müssen umfassend in die Digitalisierung ihrer Institution, der Bildung an sich investieren. Konkret in Technik, technikaffines Personal und eine technikeinbindende Struktur. All das ­Wissen der Welt muss künftig zeitgemäß präsentiert werden. Von Menschen, die das dementsprechend aufbereiten, für Leute, die das so am besten lernen. Nur so kommt die Menschheit insgesamt voran.

von Björn Wisker