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Ringelpiez und Punk von Bayern bis Moskau

Nacht der Stimmen Ringelpiez und Punk von Bayern bis Moskau

Wenn schönstes Maiwetter und schönster Gesang zusammenkommen: Das internationale A-cappella-Festival „Nacht der ­Stimmen“ wies am Samstag zwei Höhepunkte auf.

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Marburg. Frech, fetzig, provozierend, aber dennoch irgendwie nett begeisterten ­Yeomen aus Berlin, denen der Ruf vorauseilt, die „Punks of a cappella“ zu sein, die rund 1250 Besucher, die zur Schlossparkbühne gepilgert waren.

„Wir geben eigentlich nur Stehkonzerte“, verkündeten sie zu Beginn und verlangten erst einmal einen Begrüßungsapplaus, wie er sich anhören würde, wenn die Rolling ­Stones die Bühne betreten würden. Das bestens gelaunte Publikum tat ihnen den Gefallen.

Muskalischer Hochgenuss: A-capella-Festival begeistert weit über 1000 Zuschauer. Fotos: Manfred Schubert

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Und dann ging der Punk ­tatsächlich ab, von „Fly away“ von Lenny Kravitz bis „O sole mio“, wie es ordentliche Tenöre nie singen würden. Dazwischen eigene kritische Songs, beispielsweise über die „Deutschland-Sucht-Manie“, und schließlich die Androhung (man habe ja nachgefragt, was man in Marburg gar nicht mag), ihren in Berlin aufgestellten Weltrekord im Nonstop-Techno-a-cappella von sechs Stunden auf sieben heraufzuschrauben. Es blieb dann doch bei einem zehnminütigen Medley, das aber beeindruckend genug war.

Laut lachen mussten viele, als die fünf Jungs sich in Pose stellten und klar wurde, dass es die berühmte Plakatszene aus dem Film „Titanic“ sein muss. Ein verpunktes „My heart will go on“ mit Ringelpiez-Einlagen machte endgültig Schluss mit Kitsch.

Andererseits schreckten Yeomen nicht davor zurück, in ihrer Zugabe deutsche Schlager wie Dschingis Khans „Moskau“ zu zelebrieren. Tenor Absalom Reichardt tanzte dazu auf dem kleinen Podest vor der Bühne einen akrobatischen Kasatschok mit sensationell hohem Sprung.

Zur Eröffnung hatte es Jubiläumssekt für etliche Besucher gegeben, die mindestens zehn Festivals erlebt hatten – auf den Nachweis wurde verzichtet. Sicher waren aber wenige schon 16-mal dabei, so wie Lea Pfeifer. Und das, obwohl sie erst 1991 geboren wurde. Ihre Eltern nahmen sie bereits zur ersten Nacht der Stimmen mit, die zum festen Termin im Jahre für die ganze Familie samt Onkel und Tante wurde. Das wurde richtig zelebriert. „Wir haben uns schon eineinhalb Stunden vor Öffnung angestellt, um gute Plätze zu bekommen, mit großem Picknickkorb“, berichtete Lea, die seit zweieinhalb Jahren zum Team ehrenamtlicher Mitarbeiter des veranstaltenden KFZ gehört. Ihre absolute Lieblingsgruppe ist Maybebop, die sie 2006 erstmals auf der Schlossparkbühne erlebte. Doch auch Yeomen gefiel ihr: „Das war der Hammer. Ihre Version von Rammsteins ‚Engel’ war sogar besser als die von ­Maybebop!“Eher ruhigere ­Stücke hatte die ­Marburger Gruppe ­Quintethno mitgebracht, die die 20. Nacht der Stimmen mit einer kleinen a-cappella-Weltreise eröffnete. Das Quintett präsentierte Lieder nativer Völker von Südamerika, Afrika und Asien bis nach Europa, die spaßige Zugabe kam aus Bayern. Zum stillen, genauen Zuhören luden auch die höchst kunstvoll arrangierten und dargebotenen Kompositionen der norwegischen Gruppe Pust (Atem) ein. Das Sextett fesselte mit Darbietungen, in denen Einflüsse aus Folk, Jazz und ethnischen Gesängen zusammenkamen. Auch ohne des Norwegischen mächtig zu sein, konnte man dank erläuternder Ansage und des Einsatzes von Mimik und Gestik so manche Geschichte gut verfolgen und etwa Trolle im Wald erkennen.

Karibik-Atmosphäre kam beim temperamentvollen Auftritt der kubanischen Gruppe Vocal Tempo auf, die ihrem Namen vollauf gerecht wurde. Die sechs ­Sänger imitierten auf faszinierende Weise ein ganzes Tanzorchester mit Bläsern, Gitarren und Schlagzeug mit ihren Stimmen.

von Manfred Schubert

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