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Marburg Kühe aus Moischt sind weltweit begehrt
Marburg Kühe aus Moischt sind weltweit begehrt
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00:17 29.06.2018
Martin (links) und Rainer Henz mit einem Teil ihrer Angus-Herde. Quelle: Andreas Schmidt
Moischt

„Der wird mal was“, sagt Martin Henz und streichelt dem Jungbullen „Gold Day“ anerkennend über den Rücken. „Gold Day“ ist zweieinhalb Jahre alt, „er hat eine gute Figur, eine ordentliche Haltung – und er ist bereits rund zehnfacher Vater“, sagt Henz. Gemeinsam mit seinem Sohn Rainer betreibt er die Angus-Zucht in Moischt. Und die gibt es bereits seit 60 Jahren, „wir sind der älteste aktive Zuchtbetrieb in ganz Deutschland“, sagt Rainer Henz.

Sein Großvater hat 1958 mit der Zucht angefangen. „Mein Vater hat damals den ganzen Betrieb von Milchviehhaltung und Zuchtsauen umgekrempelt“, erinnert sich der heute 71 Jahre alte Martin Henz. Stattdessen setzte der Gründer auf Mastsauen und die Mutterkuhhaltung, „um das Grünland zu bewirtschaften“. Das sei damals ein absolut seltener Schritt gewesen, „Mutterkuhhaltung, bei der das Kalb bei der Kuh bleibt und die Milch der Mutter säuft und die Kuh nicht gemolken wird, war absolut nicht üblich“, erklärt Martin Henz.

Gute Fleischqualität, unproblematische Tiere

Sein Vater habe sich letztlich auf die Fleischproduktion spezialisiert – denn die Lohnkosten seien sonst zu hoch gewesen. „Durch die Umstellung konnten Vater und Sohn den Betrieb alleine bewirtschaften“, sagt Henz. Einige Landwirte in der Nachbarschaft hätten über die Umstellung gelacht und dem Betrieb das nahe Ende prophezeit. Doch es kam offenbar anders.

Das vorhandene gute Grünland sei zu Ackerfläche umgebrochen worden, das, was als Acker nicht taugte, sollte für die Rinderzucht genommen werden. „Wir brauchten also eine Rasse, die unproblematisch ist und auch mit schlechtem Grünland klarkommt“, erinnert sich der 71-Jährige. Durch einen Verwandten in Schottland sei die Familie Henz auf die Rasse ­Angus gekommen – ein Begriff, der heute vor allem bei Steak-Liebhabern die Herzen höherschlagen lässt. Damals war sie aber recht unbekannt.

„Mein Großvater war wirklich ein Pionier“, sagt Rainer Henz. Dabei sei die Entscheidung die richtige gewesen, denn: „Mutterkühe sind von Mai bis November komplett auf der Weide und nur im Winter im Stall – Milchkühe müssen zweimal am Tag gemolken werden“, fasst er zusammen. Hinzu komme, dass die Tiere der Rasse Angus nicht nur mit geringem Grünland zurechtkommen, „sondern auch sonst unproblematisch sind, ­etwa alleine kalben und die ­Kälber alleine saugen“.

Anfang der 70er-Jahre 
kam der Durchbruch

Mit einem Bullen und einer­ Färse ging es vor 60 Jahren los – durch die Kreuzung mit schwarzbunten Rindern entstand die Rasse „Deutsch Angus“. Doch ohne Probleme ging es nicht: Denn zunächst gab es sehr wenig Nachfrage nach Zuchttieren – und der hessische Landesverband wollte die Bullen nicht kören. „Wir mussten also nach Niedersachsen auf die Auktionen, um sie dort zu verkaufen. Dort haben dann auch die Hessen gekauft“, sagt Henz lachend. Man sei den neuen Dingen damals „eher verschlossen“ gewesen, die Milchviehhalter „haben uns Fleischrinderzüchter mitleidig belächelt“.

Der Durchbruch sei auf der DLG 1971 gekommen: Eine Kuh mit Kalb sei damals vom Hof Henz ausgestellt worden, „danach wurde die Rasse Deutsch Angus anerkannt“, erinnert sich Martin Henz. Der Bulle von damals sei ein Jahr später als ­Siegerbulle ausgezeichnet und für „damals sensationelle 8000 Mark“ verkauft worden – ein normaler Preis sei damals eher bis zu 3000 Mark gewesen.

Seither kam Bewegung in die Zucht, die Nachfrage stieg kontinuierlich – heute gehen die Zuchttiere in die gesamte Welt. Rumänien, Bulgarien, Lettland, Estland, Spanien, Österreich – „die Nachfrage ist enorm, wir kommen kaum nach“, sagt Henz.

Derzeit liegt „Aberdeen“ im Trend

Doch die Nachfrage ändert sich immer wieder, entsprechend passen Martin und sein 45 Jahre alter Sohn Rainer die Zucht immer wieder an die ­Anforderungen des Markts an.

So waren beispielsweise viele­ Nebenerwerbslandwirte, die rotbunte Kühe hatten, an einer roten Angus-Rasse interessiert. Also hat die Familie Henz den Samen von roten Angus aus ­Kanada importiert und die Zucht umgestellt, „somit waren wir wieder die Ersten, die rote Angus hatten“.
Seit gut 30 Jahren ist der Hof mit seinen Tieren jährlich auf Auktionen und Ausstellungen unterwegs, die Nachfrage nach den Angus aus Moischt ist ungebrochen hoch. „Im Schnitt haben wir etwa 35 Muttertiere­ mit Nachzucht auf den Weiden“, sagt Rainer Henz.

Weiterhin wird die Zucht an die Bedürfnisse angepasst. „Jetzt ist Aberdeen Angus wieder stark gefragt“, sagt Henz. ­Also haben sich die Züchter in Kanada ­Tiere ausgesucht und sich Embryonen zuschicken lassen. „Der Kunde ist König – wir müssen das produzieren, was der Markt will“, so das Credo von Familie Henz. Der Erfolg gibt ihnen Recht.

von Andreas Schmidt