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Marburg GWH-Mieter setzen sich durch
Marburg GWH-Mieter setzen sich durch
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19:50 21.02.2019
Die GWH-Mieter am Richtsberg haben sich gegen die Wohungsbaugesellschaft durchgesetzt. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Gut die Hälfte der 404 betroffenen Mieter hatte einen Stopp des geplanten Umbaus gefordert, der im März hätte beginnen sollen. Sie sahen wesentliche Fragen nicht geklärt und forderten ein „Moratorium“, also einen Aufschub der Pläne. In erster Linie monierten sie deutlich höhere Kosten, nachdem es schon im Herbst eine Mieterhöhung gegeben hatte.

Dieser Aufschub sei nicht möglich gewesen, sagt Hohmann. Grund: Die Umstellung der Gasversorgung von L-Gas auf H-Gas im Stadtgebiet im Sommer (die OP berichtete). Dies erfordert eine Umrüstung der 404 Einzelanlagen, die technisch bedingt nur zum Teil möglich sei. 60 Thermen, die nicht umzurüsten sind, müssen nun von der GWH ersetzt werden. Dort, wo Einzelthermen auf die neue Gas­sorte umgerüstet werden können, übernehmen die Stadtwerke die Kosten.

GWH zeigt sich "irritiert" über den Widerstand

In einer Mitteilung von Donnerstagnachmittag erklärt Unternehmenssprecher Marc Hohmann, man habe den Wunsch vieler Mieter aufgenommen werde „in Absprache und in gegenseitigem Einvernehmen mit der Stadt Marburg die Modernisierungsplanung nicht umsetzen.“

Die GWH sei „insbesondere irritiert über den überdeutlichen ortspolitischen Widerstand“, sagte Hohmann weiter. Er sprach von „Modernisierungsplänen“, die der Vereinbarung zum „Energiekonzept Richtsberg“ aus dem Jahr 2014 entsprochen hätten. Die Modernisierung der Wärmeversorgung hätte einen geringeren CO2-Ausstoß am Richtsberg nach sich gezogen, ohne dass die Warmmieten gestiegen wären – wegen der effizienteren Energieausnutzung. Die geplanten 3,5 Millionen Euro werde die GWH nun an einem anderen Standort "in Modernisierungsmaßnahmen und Nachhaltigkeit investieren."

Insgesamt „hätte die Maßnahme Wärmemietenkostenneutral umgesetzt werden können, durch den Wegfall der jährlichen Geräte- und Schornsteinwartung und insbesondere durch gesenkte Verbräuche durch die deutlich energieeffizienteren Gasheizzentralen mit Nahwärmeversorgung“, sagte Hohmann. Die GWH werde die geplante Investition in Höhe von 3,5 Millionen Euro nun an einem anderen Ort tätigen.

Spies: Kommunikation "ein wenig unglücklich"

Während die GWH davon sprach, dass die nun abgesagte Umrüstung ein Beitrag zum ­sozialen Klimaschutz am Richtsberg gewesen wäre, spricht Marburgs ­Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) davon, dass „die Energiewende nicht zulasten der kleinen Leute“ durchgesetzt werden ­dürfe. Er verweist darauf, dass laut Energiekonzept für den Richtsberg (2014 verhandelt zwischen den großen Wohnungsbaugesellschaften, der Stadt und den Stadtwerken) die Stadt bei Modernisierungen Zuschüsse zahlt, um die Warmmieten für die Mieter – überwiegend Menschen mit wenig Einkommen – stabil zu halten. Allerdings habe die GWH weder eine Wärme­dämmung noch den Bau neuer Fenster vorgesehen. Nur in einem solchen Fall sieht sich die Stadt an ihr Versprechen gebunden, einen „Klimaschutzbonus“ zu zahlen. „Wenn eine Wohnungsbaugesellschaft kommt und sagt, sie plane eine energetische Modernisierung, haben wir genug Zeit, entsprechend Geld in den Haushalt einzustellen.“ Mit der GWH sei die Kommunikation „ein wenig unglücklich“ gewesen, sagte Spies gestern.

GWH-Mieterin Bettina Böttcher, einer der Motoren des Mieterprotestes und SPD-Stadtverordnete, freute sich gestern unbändig über die Entscheidung der GWH. „Das zeigt, dass man etwas bewegen kann, wenn man zusammensteht“, sagte Böttcher, die sich auch über die breite Unterstützung aus der Politik freute. Die Fraktionen im Stadtparlament hatten die GWH-Pläne durch die Bank kritisiert.

Die Kommunikation der GWH mit ihren Mietern sei „grottenschlecht“ gewesen, sagte Böttcher, die auch von der Rücknahme der Pläne erst durch die OP informiert worden war.

Die für Freitag 17 Uhr vor dem Büro der GWH am GerhardJahn-Platz geplante Demonstration gegen die ­GWH-Pläne findet trotz des Rückziehers der Wohnungsbaugesellschaft statt. So etwas dürfe sich nicht wiederholen, sagte Böttcher. Sie fordert die Installation eines Mieterbeirats.

von Till Conrad