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Marburg 15 Stunden im Einsatz
Marburg 15 Stunden im Einsatz
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00:18 11.11.2018
(Symbolfoto) Wenn es erforderlich ist, sind Rettungsdienstmitarbeiter und Notärzte binnen weniger Minuten vor Ort – und das 365 Tage im Jahr rund um die Uhr. Quelle: Edgar Meistrell
Marburg

Betriebsratsvorsitzender Arne Sommerlad berichtet, dass Pausen nicht gemacht werden können und überlange Dienstzeiten bei dem auch vom Landkreis Marburg-Biedenkopf beauftragten Unternehmen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) inzwischen die Regel sind.

„Im Notfall wollen wir selbstverständlich helfen, auch über die eigentliche Dienstzeit hinaus“, betonte Sommerlad. Bei Einsätzen mit Sondersignal gehe es schließlich oft um Menschenleben, das setze auch ­gesetzliche Arbeitszeitbestimmungen außer Kraft. Dass die Kolleginnen und Kollegen aber inzwischen oftmals Dienste von 14 bis 15 Stunden leisteten, zwölf Stunden täglich seien es sowieso schon, sei eben nicht nur diesen Einsätzen geschuldet.

Wie Sommerlad erläuterte, gibt es drei Kategorien von Fahrten. Neben den Rettungseinsätzen sind das Krankentransporte und „Rettungsdienst ohne Sondersignal als Schnittmenge ­dazwischen“. Bei letzteren Einsätzen bestehe keine Lebensgefahr, trotzdem müsse schnell ausgerückt werden, wenn etwa­ wegen einer Verletzung starke­ Schmerzen bestehen wie bei ­einem Armbruch. Zu oft, so ­bemängelt der Betriebsratsvorsitzende, würden Kliniken oder Ärzte, wenn eigentlich ein normaler zeitlich nicht dringlicher Krankentransport reichen würde, solche Fahrten anfordern.

Und das sei ein wichtiger Grund dafür, dass Pausen nicht gemacht werden könnten und es keinen geregelten Feierabend gibt. Mit dem Arbeitgeber hat der Betriebsrat des Rettungsdienstes Mittelhessen eine ­Betriebsvereinbarung getroffen, die Dienstende und Pausenzeiten regelt. Demnach müssen Pausen in einem bestimmten Zeitfenster gemacht werden, wenn kein Notfall dies verhindert. Genauso sieht es mit dem Feierabend aus. Bisher, so Sommerlad, könne die Dienstzeit durch die Leitstelle beliebig verlängert werden, so lange das Fahrzeug noch unterwegs ist und in dieser Zeit neue Fahrten anordnen, das müsse sich ändern, nach dem letzten Einsatz nach dem eigentlichen Dienstende müsse die Besatzung zu ihrer Wache fahren können.

Laut Gesetz muss der Arbeitgeber für die Einhaltung der ­gesetzlichen Arbeitszeiten sorgen. Das geht laut Sommerlad im Falle des Rettungsdienstes nicht, da die Leitstelle des Landkreises die Einsätze anordne. Verdi fordert daher vom Hessischen Sozialministerium, bislang erfolglos, die Anerkennung dieser Tatsache.

Insofern lasse sich die Betriebsvereinbarung nur in Zusammenarbeit mit den Trägern, also den Landkreisen, umsetzen, so Sommerlad. Und auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf mit seiner Leitstelle, so hob er hervor, sei bemüht, an einem Konzept mitzuarbeiten. Formalrechtlich sei natürlich der Arbeitgeber zuständig, bestätigte Rettungsdienst-Geschäftsführer Markus Müller.

„Aber der Landkreis Marburg-Biedenkopf sei sehr bemüht, „das auch in seiner Leitstelle umzusetzen.“

Er sehe mehrere Lösungsansätze, so Sommerlad. Etwa­ den Einsatz einer Leitstellensoftware, die anzeigt, ob eine­ Fahrt noch innerhalb der jeweiligen Dienstzeit noch möglich ist. Bei Rettungsfahrten ohne Sondersignal müsse geprüft werden, ob immer das örtlich nächste Fahrzeug übernehmen muss, „denn da geht es schließlich nicht um Minuten“.

Oder bei einem Einsatz mit Sondersignal könnte die Besatzung, die kurz vor Dienstende stehe, schnell vor Ort die Erstversorgung gewährleisten, eine­ weitere Besatzung aber dann übernehmen. Bisher, so Müller, verbiete dies ein Erlass des Landes, aber es müsse sicher über eine derartige Regelung gesprochen werden.

Müller hob hervor, „dass der Kreis die Sache sehr schnell angeht, da habe ich ein gutes­ ­Gefühl, auch wenn es dem ­Betriebsrat vielleicht nicht schnell genug ist“.
Besonders im Landkreis Marburg-Biedenkopf führe zudem die so genannte Wachverlegung zu Verdruss bei den Einsatzkräften, so Sommerlad. „Oft sind sie die ganze Nacht unterwegs ohne einen Patienten zu sehen“.

Wie Sommerlad erklärte, werde so gewährleistet, dass die Haftfristen eingehalten werden können. Wenn auf einer Wache alle Fahrzeuge unterwegs sind, müsse von anderer Stelle eines in diesen Bereich fahren. Das sei natürlich grundsätzlich richtig, „die Bevölkerung hat schließlich einen Anspruch auf Versorgung“. In dieser Vielzahl wie in unserem Landkreis, sei es aber nicht nötig. Andere Landkreise würden die Notwendigkeit von Wachverlegungen nicht so eng sehen.

Maßnahmen seien nötig, generell müsse der Rettungsdienst attraktiver für die Mitarbeiter werden, sagte Sommerlad, denn es gebe einen massiven Fachkräftemangel.

Helfen könne die Politik, indem sie etwa bei neuen Fahrzeugen vorschreibe, dass Trage­hilfsmittel verbindlich vorhanden sein müssen, die die Kassen bisher nicht finanzieren, die aber die Arbeit massiv erleichtern würden. Notfallsanitäter müssten auch bis 67 Jahre arbeiten, andernfalls drohe Altersarmut, denn die Altersversorgung sei leider nicht so gut geregelt, wie bei Polizei und Feuerwehr, monierte Sommerlad. „Aber leider ist es anders als in der Pflege, wo jetzt etwas getan wird, unsere Lobby nicht so groß“.

Und auch die Gewerkschaften seien gefragt in den Tarifverhandlungen für Verbesserungen zu sorgen, immerhin gelte­ immer noch die 45-Stundenwoche, bei Bereitschaft werden von zwölf Stunden nur ­etwa zehn bezahlt, obwohl die Einsatzkräfte bei Alarmierung innerhalb nur einer Minute im Fahrzeug sein müssten, und auch bei Nachtzuschlägen sei Verbesserungsbedarf.

„Wir möchten, dass junge Menschen wieder sagen können, das ist mein Job“, so Sommerlad abschließend, schließlich erfordere das noch relativ neue Berufsbild des Rettungssanitäters eine hochqualifizierte Ausbildung.

Geschäftsführer Müller bestätigte das. „Die Art, wie wir und der Betriebsrat zusammenarbeiten, lässt gar keinen Konflikt zu, es geht darum, wie wir auch in Zukunft unsere Aufgaben erfüllen können“, und dazu brauche es motiviertes Personal. Müller verwies darauf, dass es bei ­Lösungen gar nicht nur um den Rettungsdienst Mittelhessen geht, sondern um die Region und auch die anderen Rettungsdienste. Wir müssen den Landkreis als Gesamtsystem sehen, daran arbeiten wir“.

von Heiko Krause