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Marburg Retter werben für mehr Erste-Hilfe-Kurse
Marburg Retter werben für mehr Erste-Hilfe-Kurse
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09:37 26.11.2018
Eine Pflicht, Erste-Hilfe-Kurse zu belegen? Eine Forderung, die kontrovers diskutiert wird. Quelle: Archiv
Marburg

Wie auch der vorgeschriebene Einbau von Rauchwarnmeldern in Wohnungen Menschenleben gerettet hätten, wäre dies auch der Fall bei Erste-Hilfe-Kursen, wenn diese „regelmäßig verpflichtend aufzufrischen“ seien, wie Brauer sagt. Denn viele Menschen haben bisher nur einmal in ihrem Leben einen Erste-Hilfe-Kurs abgeleistet, zumeist im Vorfeld ihrer Führerscheinprüfung. Dabei gibt es laut Brauer gute Gründe, diese dort erlernten Kenntnisse häufiger wieder aufzufrischen. Denn so könnten Menschen in Notfällen häufiger gerettet werden, da eine schnellere Notfallhilfe erfolgen kann. „Oftmals entscheidet nämlich im Notfall jede Sekunde über Leben oder Tod“.  

Rechtsanwalt Dr. Jochen Dilcher, der sich unter anderem auf Verkehrsrecht spezialisiert hat, sagt zu einer Realisierbarkeit des Vorschlags: „Grundsätzlich wäre es rechtlich umsetzbar“. Allerdings sei dies vermutlich ein rechtspolitisch hoch umstrittenes Thema, was zu breiten Diskussionen führen würde. Denn die Forderung nach einer verpflichtenden, turnusmäßigen Auffrischung der Erste-Hilfe-Kenntnisse würde in die Freiheitsrechte der Verkehrsteilnehmer eingreifen – da es eine Einschränkung der Verkehrsmobilität bedeuten würde.

Jeder Zweite traut sich nicht zu, Erste Hilfe zu leisten

Auch wären Wiederholungskurse ein Kostenfaktor, da die Überprüfung der Ableistung der Maßnahmen durch die Verwaltung erhebliche Geldmittel verschlingen würde. Diese Kosten müssten dann die Steuerzahler stemmen. Zudem sei zu bedenken, dass Gesetze natürlich auch immer verhältnismäßig sein müssten. Dilcher meint dazu: „Eine Verhältnismäßigkeit bei allen zwei bis drei Jahren Auffrischung wäre nicht wirklich vorhanden. Eher vorstellbar wäre da etwa alle zehn Jahre“.

Roland Julius, Dienststellenleiter der Malteser in Marburg spricht sich nicht grundsätzlich gegen eine Verpflichtung aus. Er wünscht sich aber, dass Menschen häufiger Erste-Hilfe-Kurse auf freiwilliger Basis ableisten. So sollte man ihnen vermitteln, wie wichtig dies sei und ihnen Ängste nehmen. „Denn es gibt den weit verbreiteten Irrtum, dass man bestraft wird, wenn man sich bei einer Notfallsituation falsch verhält“,
sagt er.  

Diese Angst vor Unfallhilfe ist belegbar: Jeder zweite Deutsche traut sich nicht zu, Erste Hilfe bei einem Crash mit Schwerverletzten zu leisten. 72 Prozent sind froh, wenn sie selbst nicht aktiv werden müssen, weil das ein anderer bereits übernommen hat. Das hat eine bundesweite Online-Umfrage des Marktforschungsinstituts Toluna im Auftrag der Asklepios-Kliniken ergeben. Insgesamt 1.000 Teilnehmer wurden in den vergangenen Wochen zu ihrem Verhalten in Notsituationen befragt.

Idee für Anreizsystem: Nachlass bei Kfz-Steuer

Damit das Thema Erste Hilfe auch für Kinder schon interessant ist, hat das Deutsche Jugendrotkreuz das Projekt „Erste Hilfe auf dem Bildungsplan“ auf den Weg gebracht. Ziel ist es, Erste-Hilfe-Kenntnisse in den Schulunterricht zu integrieren. „Man könnte den Erste-Hilfe-Unterricht in Fächer wie Sport oder Biologie integrieren“, sagt Ricarda Jensen, Pressesprecherin des DRK Mittelhessen. Verpflichtende Auffrischungen hält sie nicht für zielführend.
Marco Schulte-Lünzum, Regionalvorstand der Johanniter Mittelhessen, spricht sich gegen eine Verpflichtung aus: „Eine Verpflichtung trägt nicht zur Motivation der Menschen bei. Es besteht die Gefahr, dass der Kurs nur abgesessen wird.“

Man wolle die Leute lieber von sich aus dafür begeistern. So würde man etwa gezielt Unternehmen oder Sportvereine dazu animieren, Erste-Hilfe-Kurse für alle Interessierten anzubieten. Wichtig sei es auch, den Unterricht nicht nach Schema F abzuhalten, sondern ihn interessant zu gestalten. Und auch Cornelius Blanke, Pressesprecher des ADAC Hessen-Thüringen hält Verpflichtungen für wenig erfolgversprechend: „Stattdessen sollte die Bevölkerung durch Aufklärung mehr für das Thema sensibilisiert werden.“

Auch Brauer gibt zu bedenken: „Es wäre natürlich schwierig, solche Verpflichtungen zu kontrollieren. Und was sollte passieren, falls sich jemand nicht daran hält?“
Das Deutsche Rote Kreuz bringt daher ein Anreizsystem in Spiel, etwa einen Nachlass bei der KfZ-Steuer für solche, die Kursauffrischungen nachweisen.

Experten-Tipps bei Notfällen

Plötzlich Feueralarm? Die Marburger Brandbekämpfer raten zu diesem Vorgehen:  

  • Bei größeren Bränden unbedingt die Feuerwehr rufen.
  • Brennendes Kochgut vom Herd nehmen und mit dem Deckel löschen.
  • Fettbrände niemals mit Wasser löschen, sondern mit einer Decke oder auch einem Deckel.
  • Bei versperrtem Ausgang in Räume gehen, in denen es nicht brennt. Dort zum Fenster gehen und die Feuerwehr auf sich aufmerksam machen.

Um Brände zu vermeiden:

  • Elektronische Geräte wie die Waschmaschine nicht unbeaufsichtigt lassen.
  • Auf die Qualität der Elektrogeräte beim Kauf achten.
  • Kerzen nicht unbeaufsichtigt lassen.
  • Gedanken im Vorfeld machen: An welches Fenster gehe ich im Brandfall? Wo gelangt die Feuerwehr hin?

von Tim Goldau