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Marburg Retten Batterie-Busse den Nahverkehr?
Marburg Retten Batterie-Busse den Nahverkehr?
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19:45 13.03.2018
In Braunschweig schon im Einsatz: Emil steht für Elektromobilität mittels induktiver Ladung. Quelle: Christoph Schmidt
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Marburg

Straßenbahn und Oberleitungsbusse, wie sie vor Jahrzehnten bereits in der ­Universitätsstadt fuhren, seien „eine optische und ökologische­ Zumutung“, sagt Kroh. Eine Tram, egal wo sie gebaut werde und die Strecke verlaufe, beenge den übrigen Verkehr und entlaste somit wenig. Ebenso wie das O-Bus-System brauche sie zudem „mechanisch oder ­optisch belastende Strukturen“ – also Schienen beziehungsweise Oberleitungen, die teuer und wartungsintensiv seien, zudem „unschön und unzeitgemäß erscheinen“.

Für den Nahverkehr in Marburg müsse eine zukunftsweisende, keine Technologie aus vorangegangenen Jahrhunderten her. Der Blick des Mediziners richtet sich  vor allem auf Induktion, auf eine Schnellladetechnik batteriebetriebener Busse.

Braunschweig testet Emil: "Elektromobilität mittels induktiver Ladung"

Auf Fahrzeuge und Infrastruktur, wie sie seit drei Jahren in Braunschweig unter dem Namen „Elektromobilität mittels induktiver Ladung“ (Emil) fahren. Wie die Verkehrs GmbH der niedersächsischen Stadt auf OP-Anfrage mitteilt, sind mehrere Elektro-Gelenkbusse im Linien­betrieb unterwegs. Auf ihrem Weg werden sie berührungsfrei geladen (200 Kilowatt), die Energie wird an Schnellladestationen an Haltestellen gesaugt, die auf dem Weg liegen – während des Fahrgastwechsels für 30 Sekunden. Eine Elektrospule­ im Boden übermittelt den Strom kontaktlos an eine Elektrospule im Bus. An der Endhaltestelle wird die Batterie dann für mehr als zehn Minuten geladen, über Nacht erfolgt eine vollständige Ladung im Depot.

Die Lebenszeit dieser Elektrobusse – ein solcher wurde vor zwei Jahren auch in Marburg getestet, aber nicht gekauft – soll bis zu 18 Jahre betragen, für die verbaute Batterie werden etwa sechs Jahre Haltbarkeit angenommen. Bei Dieselbussen geht man von rund zwölf Jahren Lebensdauer aus. Die Anschaffungskosten der Emil-Fahrzeuge, die seit vergangenem Jahr auch in Regensburg fahren, liegen mit rund 700.000 Euro etwa doppelt so hoch wie bei Dieselbussen. Der Einbau der Spulen in den Asphalt erfordert weitere Infrastruktur-Investitionen samt Bauarbeiten an den angefahrenen Bus-Stopps.

Neun-Punkte-Plan soll den Nahverkehr modernisieren

Professor Kroh sieht in der Emil-Variante ein Vorbild, an dem sich Kommune und Stadtwerke orientieren sollten. Er hat einen Neun-Punkte-Plan aufgestellt, um den Nahverkehr vor allem auf der Hauptstrecke zwischen Erlenring, Hauptbahnhof, Uni-Klinikum und Campus Lahnberge, Südbahnhof und zurück zum Erlenring umzukrempeln:

  • Übertragung des Systems „Emil“ nach Marburg, Errichtung von Ladestationen an Haupthaltestellen und im Depot
  • Projektierung der Nutzung von Energierückgewinnung bei Bergabfahrten etwa auf Panoramastraße und Großseelheimer Straße
  • Projektierung mobiler Induktion, etwa einer elektrischen Busspur die Panoramastraße bergauf
  • Evaluierung des autonomen Transports, des autonomen Fahrens mit Personentransportern
  • Ausbau der Panoramastraße zur Solarstraße und Nutzung der Energie für induktive Ladesysteme
  • Freigabe der Induktionsladestrecke für die kommerzielle private Ladung über Transponderidentifikation
  • Ausdehnung dieser Schritte, Ausbau von Induktionsladestationen und Energierückgewinnung auf andere Stadtbereiche mit ausreichend Steigung und Gefälle (Oberstadt samt Schloss, Ockershausen, Marbach)
  • Langfristig Nutzung einer­ zur Energiestrecke umgebauten Panoramastraße für die Aufladung modular koppelbarer Individualfahrzeuge­ samt Anbindung an einen ­individualisierten Öffentlichen Personennahverkehr, einen „Nahverkehr on demand“ (siehe Kasten)
  • Durch Nutzung all dieser Möglichkeiten – plus Brennstoffzellen – könnte jeder Punkt der Stadt und nähere Umgebung verzögerungs- und emissionsfrei mit Transportmitteln erreicht werden.

Für die Finanzierung eines solchen „Exzellenzentwicklungs-Projekts“ schlägt Kroh neben staatlichen Mitteln Kooperationen mit heimischen und international tätigen Unternehmen vor: etwa Rhön AG, Siemens, Automobilherstellern.
Sowohl Schadstoff- als auch Lärmbelastung an den Hauptverkehrsachsen könne mit der Technik gesenkt werden. Elektromobilität und Ladetechniken seien keine „Science Fic­tion“, vielmehr könnten politische Entscheidungsträger der Stadt und den Bewohnern in Richtung des 500. Universitäts-Geburtstags ein „intelligentes ­Geschenk machen“.

Nach Veröffentlichung der Straßenbahn-Studie, die den Nutzen einer Tram in Marburg bestreitet, skizzierte der scheidende Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Kühne bereits die Einführung eines O-Bus-Modells, das Ähnlichkeiten zu Krohs Vorschlag aufweist. Demnach würden im Fall der ­Errichtung eines O-Bus-Systems an vereinzelten Stellen in der Stadt Leitungen nötig werden, die dann wiederum Batterien in den Fahrzeugen für deren Weiterfahrt laden. Neben die in den Asphalt eingelassenen Elektrospulen gibt es auch andere stationäre Ladetechniken, etwa Säulen, mit denen sich die Busse – wenn Busfahrer diese präzise anfahren – verbinden. Gutachterliche ­Ergebnisse zu einer möglichen Marburger O-Bus-Variante gibt es im Sommer.

von Björn Wisker

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