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Marburg Rap trifft auf Auschwitz-Erinnerungen
Marburg Rap trifft auf Auschwitz-Erinnerungen
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22:31 22.04.2018
Sie ist schon 93 Jahre alt und kann ihre Zuhörer mit ihren Erinnerungen und ihrem Gesang tief ­bewegen.  Quelle: Valerija Levin
Marburg

Sie ist 93 Jahre alt, unglaublich klein und hat ein zartes Äußeres. Sie braucht Hilfe, um sich auf den auf der Bühne stehenden Stuhl setzen zu können und sie muss sich stützen, wenn sie zum Singen ans Mikrofon tritt. Doch die Stärke und Gewalt der Worte, die sie spricht und singt, lässt Menschen verstummen und bewegt Herzen.

Esther Bejarano ist eine Überlebende aus dem Vernichtungslager Auschwitz. Auf der Bühne des KFZ hing der schwarz-weiße Banner „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“, das zahlreich erschienene Publikum war überraschend jung: Menschen, die sich für Gleichberechtigung, für Frieden und für Solidarität einsetzen. Eingeladen hatte die Marburger DIDF-Jugend, eine Migrantenjugendorganisation.

In Viehwaggons nach Auschwitz deportiert

Der Abend begann mit einer ergreifenden Schweigeminute, dann las Esther Bejarano aus ­ihren Memoiren. Sie war eines der Kinder gewesen, die in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert wurden. Es hieß zunächst, dass sie in ein Arbeitslager kommen werde, doch schnell offenbarte sich ihr die Wahrheit über diesen Ort.

Bejarano erinnert sich an den ersten Tag im Konzentrationslager: „In der sogenannten ,Sauna‘ mussten wir Mädchen und Frauen uns vor den erniedrigenden Blicken der SS-Männer entkleiden, danach wurden wir nackt kahlgeschoren. Die Soldaten lachten. Nach einer kalten Dusche und dem Trockenlüften wurden uns Nummern an den Handgelenken tätowiert. Nun waren wir Häftlinge.“

Sie schläft auf Holzbrettern, ohne Strom und ohne Decken. Zum Essen gibt es nur Brot und eine braune Brühe mit Kartoffelschalen oder Brennnesseln. Ihre Arbeit: Steine schleppen.
Als Bejarano die Möglichkeit erhält, ihr musikalisches Können unter Beweis zu stellen, zögert sie keine Sekunde. Aus der Pianistin wird eine Akkordeonspielerin im Mädchenorchester des KZ. Morgens und abends muss das Orchester Märsche für die Kolonnen spielen. Manchmal kommen „Bonzen“, um sich eine Führung im Konzentrationslager geben zu lassen. Dann wird mit den Musikanten geprahlt.

Auch wenn die neuen Transporter für die Gaskammern kommen, müssen die Mädchen am Eingang stehen und spielen: „Aus ganz Europa kamen die Menschen und fuhren ins Gas. Sie dachten, dass dort, wo es Musik gibt, es nicht so schlimm sein kann.“

Später spielt Bejarano noch Blockflöte und lernt Gitarre, um dem Tod zu entfliehen. Sie ist schwach und krank. Dann folgt eine Verlegung ins Straflager Ravensbrück, wo sie in der Filiale der Siemens-Werke in „Halle 4“ arbeitet. Bis zum Ende des Krieges ist sie dort untergebracht.

Auf der Bühne des KFZ erzählt sie von ihrem letzten Marsch in die Freiheit: „Wir zogen unsere Häftlingskleidung aus und liefen zu den Amerikanern. Zwei Soldaten brachten ein Bild von Adolf Hitler auf den Marktplatz und gaben mir ein Akkordeon. Sie zündeten das Bild an und ich begann zu spielen. Es war nicht nur meine Befreiung, sondern wie eine zweite Geburt.“

Jüdische Lieder mit Rapper Kutlu Yurtseven

Zusammen mit ihrem Sohn, Joram Bejarano und dem Rapper Kutlu Yurtseven von der „Microphone Mafia“, sang sie an diesem Abend jüdische und antifaschistische Songs. Gemeinsam forderten sie dazu auf, sich für Frieden einzusetzen, geflüchteten Menschen die helfende Hand zu reichen und an den Völkermord zu erinnern.

Das Konzert stand im Zeichen der Zeit, angesichts des Erstarkens der rechten Parteien in Deutschland und auch vor dem Hintergrund der Diskussion um den Echo-Preis, dessen Vergabe an die durch antisemitische Texte aufgefallenen Rapper Kollegah und Farid Bang viele Musiker dazu brachte, ihre eigenen Echos zurückzugeben.

Es sollte nicht nur die Frage gestellt werden, warum diese Rapper für ihre Geschmacklosigkeit mit Musikpreisen belohnt werden, sondern auch, weshalb Kinder und Jugendliche in diesen ein Vorbild sehen und ihre eigene Geschichte vergessen.

von Valerija Levin