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Puzzle eines reichen Künstlerlebens

Autobiografie von Maximilian Schell Puzzle eines reichen Künstlerlebens

Poetisch, nachdenklich und mit Augenzwinkern: Maximilian Schell, österreichischer Schauspieler mit Weltkarriere, erzählt auf über 300 Seiten sein Leben. Auf seine Art.

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Der österreichische Schauspieler Maximilian Schell hat eine lesenswerte Autobiografie geschrieben. Foto: Volker Dornberger

Quelle: Volker Dornberger

Marburg. Nein, nicht Autobiografie. Es ist eigentlich ein Puzzle, das Maximilian Schell da vorlegt, ein Puzzle aus detailreich erzählten Erlebnissen, Bildern und Schriftstücken. „Ich fliege über dunkle Täler oder Etwas fehlt immer“ ist dieser Band überschrieben, und als Untertitel steht da schlicht: „Erinnerungen“. Doch der 81-jährige Schauspieler, Oscar-Preisträger, Regisseur, Drehbuchautor und Bonvivant, der sich eine Karriere sowohl in Europa als auch in Amerika erarbeitete, liefert mehr.

Es sind Momentaufnahmen aus einem reichen Künstlerleben mit Höhenflügen und Abstürzen. Es ist ein Panoptikum der großen Namen, das traditionelle deutschsprachige Theaterkultur und das klassische Hollywood verbindet. Und es ist eine persönliche Spurensuche.

Der Künstler, der in Wien geboren wurde und als Kind mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten in die Schweiz floh, verbindet Privates und Berufliches. Er ordnet die vielen Facetten der Erinnerung klassisch chronologisch und macht die Stationen seines Lebens an Menschen fest. So treten die Eltern, der „Opapa“ und die ältere Schwester Maria ebenso vor den Vorhang wie Judy Garland und Marlene Dietrich, Gustaf Gründgens oder Marlon Brando und die einflussreiche Managerin Erna Baumbauer.

Schell, der auch einer der Taufpaten von Hollywood-Star Angelina Jolie ist, zeigt einen theatralischen Sinn für gute Anekdoten. Etwa wenn er einen abenteuerlichen vermeintlichen „Spaziergang“ im Death Valley schildert oder eine nächtliche Autofahrt mit Judy Garland, die bei der Gelegenheit zum ersten Mal Mozartklängen gelauscht haben soll.

Der Sprachkünstler verweist häufig, oft völlig unvermittelt, auf Verse, Gedichte und Bühnenmomente, die für ihn entscheidend waren. Das sind Gedichte des Vaters ebenso wie Theatererlebnisse und sehr häufig persönliche Widmungen, die intime Einblicke in sein künstlerisches und privates Leben geben.

Der Privatmensch Schell kommt immer wieder auf jenen Ort zurück, an dem die Stränge seines Lebens zusammenzulaufen scheinen, auf „die Alm“ in Kärnten. In einem von Reisen, Umzügen und kurzen Arbeitsaufenthalten geprägten Künstlerleben ist die Holzhütte in den Bergen stets Ruhepunkt und Zufluchtsort geblieben.

Oft ist vom Tod die Rede, und vor allem in diesen Momenten lässt sich der Bonvivant tief in die Seele schauen. Schon die ersten Zeilen widmet Schell einem verstorbenen Künstlerkollegen; und wenn er schildert, wie er dem gegen den Krebs kämpfenden Ulrich Mühe Marmelade aus Walderdbeeren kocht, scheint es, als fühlte er sich selbst nicht mehr so weit entfernt von dem Ort oder der Zeit, wo er „die Engel“ vermutet.

Da wirken große Worte über Leben, Kunst und Tod dann ganz unaufdringlich. Und es wird nachvollziehbar, wenn wie zufällig hingeworfen eine Lebenshaltung offenbar wird: „Man stiehlt dem Tod einen Augenblick. Das ist vielleicht das Geheimnis der Kunst.“

Maximilian Schell: „Ich fliege über dunkle Täler“, 320 Seiten, Verlag Hoffmann und Campe, 24,99 Euro.

von Irmgard Rieger

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