Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Das Schwierige im Einfachen ergründen
Marburg Das Schwierige im Einfachen ergründen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:00 13.03.2018
Daniel Wolpert hielt den Hauptvortrag bei der Jahrestagung der experimentell arbeitenden Psychologen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Es ist die 60. Konferenz der experimentellen Psychologen, und es ist wieder ­eine Rückkehr an den ersten Tagungsort. Denn auch die erste Tagung fand in Marburg statt. Im Jahr 1959 hatte sie der Marburger Psychologie-Professor Heinrich Düker ins Leben gerufen. Damals trafen sich rund 30 Forscher, mittlerweile ist die Zahl der Teilnehmer auf 700 angewachsen.

Das Schwierige im Einfachen erklären: Das könnte ein Motto­ der Tagung sein. Denn selbst einfache Tätigkeiten beinhalten komplexe Handlungsabläufe. Das wird zum Beispiel deutlich, wenn man einer Maschine eine an sich simple Tätigkeit wie das Teekochen beibringen soll.
„Einen Automaten zum Teekochen kann man bauen. Schwieriger wird es aber schon, wenn man das einem Roboter­ beibringen will“, erklärt ­Tagung-Organisator Professor Alexander Schütz (Uni Marburg). So gehe es beispielsweise darum, wie die einfachen Bewegungsabläufe wie beim Abstellen einer Teetasse auf einen Tisch gesteuert werden und wohin die Blicke der teekochenden Menschen in den für die Prozedur entscheidenden ­Momenten gehen.

Analyse von Unfällen

Auch bei ähnlichen an sich einfach erscheinenden Tätigkeiten wie der Herstellung eines Sandwichs stehe im Vordergrund, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit zu verarbeiten, erklärt Schütz. Was ist in welcher Reihenfolge handlungsrelevant? Diese Frage stehe auch bei vielen Experimenten von Psychologen im Vordergrund. Wie lernen Menschen, ihren Körper effizient zu kontrollieren? Wie erwerben sie Wissen über die Umgebung, das für die Ausführung von Tätigkeiten notwendig ist? Das sind weitere Fragen, die die Psychologen ergründen.

Ähnlich praxisrelevant geht es in der Sektion zu, die sich mit psychologischen Fragen des Straßenverkehrs beschäftigt. Im Mittelpunkt der Studien steht jeweils die Verkehrssicherheit. Dabei werden alle Verkehrsteilnehmer in den Blick genommen. So wurde in einer Studie der Technischen Universität Braunschweig analysiert, wie häufig Fußgänger bei der Überquerung einer Straße ihr Handy nutzten, und zwar an Ampeln, Zebrastreifen oder bei freien Querungen. Das Blickverhalten von Radfahrern in unfallträchtigen Situationen wurde mit ­Hilfe eines Fahrradsimulators in ­einer weiteren Braunschweiger Studie untersucht.

Warum Unfälle mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern (Fußgängern, Radfahrern, Kraftradfahrern) passieren, wird anhand einer verkehrspsychologischen Analyse von Forschern der Uni-Klinik Regensburg in Kooperation mit Experten der Audi AG bewertet.

Namhafte Forscher aus Europa eingeladen

Rund 700 Teilnehmer aus Deutschland, dem europäischen Ausland und den USA kommen in Marburg zusammen. Es ist die größte nationale Tagung der experimentell arbeitenden Psychologen, erläutert Professor Alexander Schütz, der gemeinsam mit Professor Harald Lachnit, Professorin ­Anna Schubö und Juniorprofessor Dominik Endres aus der Arbeitsgruppe Allgemeine und Biologische Psychologie die ­Tagung organisiert hat.

Die Tagungssprache ist seit 2008 vorwiegend Englisch, weil in dieser internationalen ­Wissenschaftssprache auch die meisten Publikationen weltweit verfasst werden. Die Tagung zeichnet sich durch eine enorme inhaltliche Breite aus. „In diesem Jahr wird es drei Plenarvorlesungen, 387 Vorträge und 204 Posterpräsentationen ­geben“, sagt Schütz.

Thematisch bewegt sich das Programm zwischen Beiträgen zum Straßenverkehr, zur kognitiven Entwicklung von Kleinkindern, zu sozialen Prozessen in Gruppen und zu den klassischen Themen der experimentellen Psychologie wie Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis, Sprache und Handlungsplanung.

Besonders für den wissenschaftlichen Nachwuchs sei die Tagung ein wichtiges ­Forum, erläutert Schütz. Zum Kreis der Referenten gehören aber auch namhafte Forscher aus ­Europa und den USA. Die ­Plenarvorlesungen, die jeweils im Audimax stattfinden, halten Professor Daniel Wolpert, Professorin Mary Hayhoe sowie Professor Jan Theeuwes.

von Manfred Hitzeroth