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Marburg Psychisch Kranke in den Tod geschickt
Marburg Psychisch Kranke in den Tod geschickt
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21:02 04.07.2011
Willi Schmidt und Mareike Kemp schlüpfen in die Rollen der beiden Menschen, die der „Euthanasie“-Ideologie der Nationalsozialisten zum Opfer fallen. Quelle: Privatfoto

Marburg. „Der Schlaf der Geige“ heißt das Stück, das Schmidt zusammen mit Mareike Kemp entwickelt hat. Es erzählt die fiktive Geschichte eines Mannes und einer Frau, die quasi aus dem Grab heraus zu den Zuschauern sprechen. Er ist Epileptiker, sie leidet an einer Persönlichkeitsstörung.

Beide kommen mit Unterstützung ihrer Familie auf ihre Art zurecht, bis sie in eine Anstalt eingewiesen und von dort in das Vernichtungslager Hadamar geschickt werden. Schmidt und Kemp verkörpern diese beiden Menschen, die sich rückblickend an Stationen ihres Lebens erinnern - und an die Geige, auf der die Frau so gerne spielte, bis es ihr verboten wurde.

Inspiriert wurde Schmidt durch eine Veröffentlichung zu den Schicksalen zweier Schröcker, die aus ihrem Heimatdorf deportiert wurden. Recherchiert hat er unter anderem in der Gedenkstätte Hadamar, die die „Euthanasie“-Ideologie der Nationalsozialisten aufarbeitet.

Begleitend zu den Aufführungen von „Der Schlaf der Geige“ ist vom 17. bis 22. Juli eine Ausstellung im Theatersaal der Waggonhalle zu sehen. „Eine Geschichte über die Deportation von psychisch Kranken und Behinderten aus oberhessischen Dörfern“ wird mithilfe von Bildern, Dokumenten und Texten erzählt. Zusammengestellt hat sie Waggonhallen-Mitarbeiterin Siemke Hanßen.

Zur Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, 17. Juli, ist Dr. Georg Lilienthal, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Hadamar, zu Gast. Er wird die realen Hintergründe von „Der Schlaf der Geige“ erläutern.

Die ehemalige Landesheilanstalt Hadamar bei Limburg wurde 1940 zur sogenannten Euthanasie-Anstalt. Sie war unter anderem auch für das Gebiet um Marburg zuständig. Zwischen 1941 und 1945 sind dort etwa 15.000 psychisch kranke Menschen ermordet worden.

„Wir wollen mit dem Stück und der Ausstellung zur Diskussion anregen“, sagt Willi Schmidt, dessen vorherige Inszenierung für heftige Kontroversen sorgte - die Darstellung des sexuellen Missbrauchs einer Magd durch ihren Dienstherrn erschien manchem als Provokation. Auch damals hatte Schmidt bereits klargestellt, dass es ihm nicht um Provokation gehe. Er wolle mit seinen Stücken Themen aus dem Verborgenen holen und eine Auseinandersetzung mit Vergessenem und verdrängtem anstoßen.

„Der Schlaf der Geige“ hat heute ab 20 Uhr Premiere in der Waggonhalle, Rudolf-Bultmann-Straße 2a. Eine weitere Vorstellung gibt es morgen zur gleichen Zeit. Weitere Aufführungen finden parallel zur Ausstellung am 19., 21. und 22. Juli statt. Die Ausstellungseröffnung mit Vortrag am 17. Juli beginnt bei freiem Eintritt um 15 Uhr.

von Heike Döhn

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