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Marburg Angeblicher „BND-Agent“ steht vor Gericht
Marburg Angeblicher „BND-Agent“ steht vor Gericht
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00:20 01.09.2018
Symbolfoto: Nachricht von einem Liebesbetrüger. Quelle: Sebastian Gollnow
Marburg

Offenbar kann er es einfach nicht fassen: kopfschüttelnd und mit verbittertem Gesichtsausdruck betritt der 61-Jährige am Dienstagmorgen, auf Krücken gestützt, den Saal. Er kraust die Stirn, wie ein schneidiger Gigolo, der Frauen locker um den Finger wickelt, wirkt er nicht, ist mittlerweile gesundheitlich angeschlagen.

Immer wieder schaut er in den kommenden Stunden verkniffen umher, vernimmt die Anklageverlesung, Zeugenaussagen oder das ­Getuschel im Zuschauerbereich ebenfalls kopfschüttelnd, winkt immer wieder ab, als wolle er die schweren Vorwürfe einfach wegwischen. „Nein“ ist fast das Einzige, was er am ersten Prozesstag von sich gibt. Nein, er will keine Stellung zu den ­Anschuldigungen nehmen, will nichts sagen zu den Vorwürfen jener Frauen, die er angeblich sein Leben lang finanziell wie emotional ausgenutzt, sie in den Ruin und in die Straffälligkeit getrieben haben soll.

Angeklagter soll Bankangestellte um 442.000 Euro betrogen haben

Insgesamt 649 Handlungen – begangen innerhalb von fünf Jahren – wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Er besaß auch illegale Bundeswehrmunition, doch das fällt angesichts der erdrückenden Aktenlage zum gewerbsmäßigen Betrug kaum ins Gewicht. Drei geprellte­ Frauen­ stehen im Mittelpunkt eines mutmaßlichen Betrügerlebens: eine mittlerweile verstorbene Seniorin, eine Bankangestellte und eine Gerichtsvollzieherin, die sich beide selber strafbar gemacht hatten, um dem kostspieligen Freund mit Hunderttausenden Euro angeblich ein angenehmes Leben zu finanzieren.

Im Prozess geht es allerdings „nur“ um knapp 442.000 Euro, die er der Hauptgeschädigten, der Fachwirtin der Bank, abgeluchst haben soll. Der Tatzeitpunkt beginnt erst 2009, die Geschichte, mit der sich die große Strafkammer in den kommenden Wochen befassen wird, lange zuvor. Der Angeklagte und die Zeugin freundeten sich Ende der 1990er-Jahre an. Mit der Zeit „erschlich er sich ihr Vertrauen“, überzeugte sie, dass ihr von verschiedener Seite her ­Gefahr drohe, heißt es in der Anklage. Nur er allein könne sie dabei vor Schaden bewahren, habe ihr der „nette, hilfsbereite­ und anständige Freund“ versichert, meint die Zeugin.

Angeblicher Agent baut "Drohszenarien" auf

Über die Jahre wurde er für sie immer glaubhafter, auch durch angebliche Werbung von Dritten: Hier kommen die beiden anderen Frauen ins Spiel, die sich ihr gegenüber zu seinen Gunsten geäußert hätten­ und als „Vertrauensverstärker“­ aufgetreten waren, wie die 56-Jährige immer wieder betont und beteuert, dass sie nur durch diese Finte für ihn zahlreiche Kunden um ihr Erspartes brachte. Denn nachdem ihr eigenes Geld und das ihrer ­Familie aufgebraucht war, zapfte sie die Konten ihrer Bankkunden an, wurde dafür bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der Grund: Angst vor den zunehmend heftiger werdenden „Drohszenarien, skurrilen Geschichten“, die er ihr auftischte und die doch allesamt frei erfunden waren.

Die zunehmend panischer werdende Frau glaubte sie dennoch, denn „er hatte eine ganz besondere Art der Überzeugungskraft“. Sie sah sich schließlich mit scheinbarem Internetmobbing, Morddrohungen und Giftanschlägen konfrontiert. All das habe der Angeklagte für sie ausbügeln wollen, brauchte dafür aber immer mehr Geld. „Für die Ermittelung und für sein Team vom BND“, zumindest dachte sie das damals. Dieselbe Masche des hilfsbereiten, charmanten Retters soll der Mann auch bei der für ihn zuständigen Gerichtsvollzieherin angewandt  haben, die vor Gericht keine Angaben machte.

von Ina Tannert

Der Prozess wird am Montag, 3. September, im Saal 101 fortgesetzt.