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Marburg Eltern des toten Mädchens: Es war Mord!
Marburg Eltern des toten Mädchens: Es war Mord!
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15:30 31.01.2019
Die Angeklagte sitzt am Donnerstagmorgen neben Dr.Andreas Bensch, einem ihrer Anwälte, im Marburger Gerichtssaal. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Der Schmerz ist vor allem dem Vater des verstorbenen Mädchens anzusehen. Der Mann aus dem Schwalm-Eder-Kreis hat sichtbar Mühe, nicht in Tränen auszubrechen als die Staatsanwältin die Anklageschrift vorliest und er, wie auch seine Frau, die mit versteinerter Mine neben ihm sitzt, an den letztlich vergeblichen Überlebenskampf seiner Tochter erinnert werden.

Der Prozess um vergiftete Frühchen hat am Donnerstag in Marburg begonnen. Das sind unsere Bilder vom ersten Verhandlungstag. Fotos: Nadine Weigel

Und das soll passiert sein:  Während des Nachtdiensts am Uni-Klinikum auf den Lahnbergen Anfang Dezember 2015 soll die Angeklagte Elena W. dem im August 2015 frühgeborenen Mädchen mehrere Miligramm Midazolam – auch unter dem Handelsnamen Dormicum bekannt – verabreicht haben. Das sei „medizinisch nicht vorgesehen oder notwendig gewesen“. Nach der Verabreichung habe es bei dem Baby einen Abfall der Herzfrequenz gegeben, der eine Beatmung des Frühchens notwenig machte. Der Tod, und das habe die Krankenschwester gewusst, hätte „ohne weiteres Zutun möglicherweise zeitnah eintreten können“. Das Frühchen verstarb dann – wie die Staatsanwaltschaft explizit feststellt unabhängig von den Taten der Angeklagten – einige Tage später, am 9. Dezember an den Folgen eines schweren Lungenhochdrucks. Auf OP-Nachfrage bestätigt Staatsanwältin Brinckmeier, dass die Ermittler bisher nicht von einem kausalen Zusammenhang zwischen Medikamentenvergabe und Todesursache ausgeht.

Nebenklage-Vertreterin will Fremdverschulden beweisen

Etwas, das die Eltern, was Nebenklage-Vertreterinnen ganz anders sehen: „Ein Fremdverschulden an ihrem Tod auszuschließen, verbittet sich“, sagt Elke Edelmann.  Den Angaben der Rechtsanwältin zufolge hätte das Mädchen, dem es auf Station besser  ging, die Klinik bald verlassen sollen. Dass die Medikamentengabe daher zumindest eine „Beschleunigung des Todeseintritts“ gegeben habe, dass sich Leni – so der Name des Mädchens – „hochsensibel belastet wie sie schon war, von dieser zusätzlichen Belastung nicht erholt hat“ sei „unabdingbar festzustellen“.

Daher verlangt sie vom Vorsitzenden Richter Dr. Frank Oehm einen sogenannten richterlichen Hinweis – eine Art Erweiterung der Anklageschrift – dass auch eine Verurteilung wegen vollendeten Mordes in Betracht kommen könne. Silke Heissenberger, Co-Nebenklage-Anwältin  erklärt auf OP-Nachfrage, dass man von „einer Wechselwirkung“ der dem Frühchen ohnehin verabreichten und dem von Elena W. unzulässig gegebenen Midazolam ausgehe, die letztlich zum Tod geführt habe.

Doch Leni ist nicht das einzige Opfer: Am 25. Dezember soll Elena W. – ebenfalls beim Nachtdienst – der eine Woche zuvor frühgeborenen Amilia denselben Wirkstoff gegeben haben. Die Angeklagte habe schon wegen der „erheblichen Dosierung“ des Medikaments den Tod des Frühchens billigend in Kauf genommen. Und obwohl sie Stunden später mehrere gesundheitsschädigende Anzeichen feststellte – völlige Agonie, keine Schmerzreaktion, komatöser Zustand – habe sie das Baby ohne weitere Heilungs- und Rettungsversuche dem Frühdienst übergeben.

Dass auch dieses Kind zeitnah sterben könnte, sei der Angeklagten bewusst gewesen – und sie habe, wie auch bei Leni die Tatsache ausgenutzt, dass das Kind – weil andere Krankenschwestern auf der Station nicht mit einem Angriff auf das Frühchen rechneten – schutz- und wehrlos war.

Nach Gift-Angriffen auf drittes Kind aktiv Hilfe geleistet

Beim dritten Fall am 31. Januar 2016 soll es sich anders verhalten haben – da rief sie nach Auftreten von Zuckungen, Atmungsaussetzern und Fallen in einen komatösen Zustand bei der vier Wochen alten
Johanna „aktiv Personal hinzu“, um es zu retten. Das Mädchen habe „lediglich aufgrund glücklicher Umstände“ überlebt, wie Brinkmeier sagt. Am Folgetag gab Elena W. dem Baby dann erneut unerlaubt ein Medikament – Ketamin – was wiederum zu körperlichen Reaktionen führte und in den Folgestunden, in der Nacht zum 2. Februar 2016 mehrfach zu Herzstillständen, Herzrhytmus-Störungen und damit verbundenen Beatmungen sowie Wiederbelebungen führte – auch durch die Angeklagte, die Herzdruck-Massagen ausführte.

Nach jedem Satz, den die Staatsanwaltschaft bei der Anklageschrift vorliest, schüttelt Elena W. vehement den Kopf. Sagen wird sie auf Anraten ihrer Anwälte in der Auftaktsitzung trotzdem nichts.

  • Nächster Termin: Mittwoch, 6. Februar um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts

von Björn Wisker