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Marburg Prozess um sexuelle Nötigung in Marburg
Marburg Prozess um sexuelle Nötigung in Marburg
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19:49 12.10.2018
Ein Bild der Justizia. Vor Gericht steht ein Physiotherapeut, der seine Kollegin sexuell genötigt haben soll. Quelle: Archivfoto
Marburg

Fast elf Jahre hat sie geschwiegen, jetzt spricht sie vor Gericht: Eine Physiotherapeutin aus Marburg wirft ihrem älteren Kollegen vor, sie im Jahr 2007 in der gemeinsamen Praxis sexuell ­genötigt zu haben.

Während das mutmaßliche Opfer als Zeugin aussagt, sitzt der Beschuldigte gefasst auf der Anklagebank und zeigt kaum eine Gefühlsregung. Seine Kollegin schildert stockend und mit teils brüchiger Stimme, was er ihr angetan haben soll.

Wegen kleinerer Beschwerden ihrerseits habe er ihr damals seine Hilfe angeboten, wie es unter Kollegen üblich sei. Zunächst habe er sie massiert, dann hätten sie gemeinsam Übungen auf Matten durchgeführt. Dabei habe er zunächst über sie hinweg an ihre Brust gegriffen, sich dann auf sie geschwungen und sie zum Oralsex gezwungen. „Es ging alles ganz, ganz schnell“, sie habe sich nicht wehren können. Hinterher habe er lediglich seine Jogginghose wieder hochgezogen und sei gegangen, als sei nichts gewesen.

Sportmediziner warnte: „Da müssen Sie aufpassen“

Der Angeklagte bleibt die ganze Aussage über ruhig und gelassen, bis sie anfügt: „Ich fühlte mich vollkommen ekelhaft“ – dann zieht er die Augenbrauen hoch, als wolle er es nicht glauben.

Das Opfer des mutmaßlichen Übergriffs nimmt im weiteren Verlauf als Nebenklägerin am Prozess teil. Sie schildert außer ihren eigenen Erlebnissen noch, was ihr von anderen Vorfällen in Verbindung mit dem Angeklagten zu Ohren gekommen ist. Schon bevor sie 2007 in der Gemeinschaftspraxis ihre­ Stelle­ antrat, soll sie ein Marburger Sportmediziner gewarnt haben: „Da müssen Sie aufpassen“, es habe immer wieder Beschwerden gegeben. Doch: „Ich konnte es nicht glauben“, stellt die Zeugin fest.

Auch andere Frauen werfen dem Therapeuten nun sexuelle­ Belästigung vor: Eine Lehrerin und ihre erwachsene Tochter, die den Angeklagten unter anderem aus einem Sportverein kennen, berichten von ihren Erfahrungen während einiger aus ihrer Sicht fragwürdiger Behandlungen durch den Physiotherapeuten.

Ehemalige Teilhaberin: Er war ein „kleiner Charmeur“

Unter anderem soll er die damals noch minderjährige Tochter bei einer Therapiesitzung gefragt haben, ob sie ihn küssen wolle und sie bei einer anderen Sitzung gebeten haben, den BH auszuziehen, obwohl es nicht nötig gewesen wäre. Beides habe sie verneint, berichtet die Zeugin. „Heute würde ich das sofort der Polizei mitteilen“, damals sei sie jedoch noch zu jung gewesen, um die Taten richtig einzuordnen. Erst als ihre Mutter ihr von „ähnlichen Vorwürfen“ gegen den Angeklagten erzählte, habe sie sich entschieden, Anzeige zu erstatten.

Als schließlich auch noch eine weitere Kollegin aus der Praxis einräumt, der Angeklagte habe sie gefragt, ob sie mit ihm ins Bett wolle, zeichnet sich ab, dass der Prozess nicht ganz so schnell vorbei sein wird.

Die Zeugin nimmt ihren langjährigen Praxisteilhaber jedoch ein Stück weit in Schutz: Er sei ein „kleiner Charmeur“, hat sie bei der Polizei ausgesagt – was sie positiv gemeint haben will. Wie „aufmerksam“ sich der Therapeut wirklich gegenüber Frauen gezeigt hat, sollen nun zwei weitere Termine zeigen.

von Melchior Bonacker