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Marburg Pädagogen warnen vor Online-Anmache
Marburg Pädagogen warnen vor Online-Anmache
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21:31 26.05.2018
Instagram, Snapchat, Facebook: „Soziale Netzwerke“ gehören schon für Kinder zur Mediennutzung selbstverständlich dazu, bergen aber auch Risiken. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Deine Bilder sind voll schön – hast du Lust, Kontakt aufzubauen?“ Solche Kontaktanfragen, etwa über „Insta­gram“, kennen viele jugendliche Mädchen, sagt eine 15-jährige Marburgerin im OP-Gespräch. „Es kommt häufig vor, dass wir von Jungs, die wir nicht kennen, angeschrieben werden“, sagt die Gymnasiastin.

Von ihren Freunden habe eigentlich jeder „Instagram“ oder „Snapchat“. Diese mobilen Anwendungsprogramme für das Smartphone (Apps) nutzen die Jugendlichen zum Teilen von Eigenporträts – den „Selfies“ – oder eigenen Videos.

Komplimente wie von der Neuntklässlerin beschrieben sind erst einmal schmeichelhaft, gerade während der Pubertät, weiß Anne Gladigau, Jugendbildungsreferentin im Bereich Medienpädagogik beim städtischen Jugendbildungswerk. „Das ist einfach die Zeit, in der die Jugendlichen mit sich selbst beschäftigt sind und viel Rückmeldung von außen benötigen“, sagt sie.

Und die bekommen vor allem Mädchen über die sogenannten sozialen Netzwerke durch das „Posten“ ihrer „Selfies“. Darüber erhalten sie Rückmeldung, wie sie bei anderen ankommen – etwa durch sogenannte Likes, „Gefällt mir“-Symbolen, oder eben Kommentare.

Für viele ist es ein Zeichen für Beliebtheit, möglichst viele Freunde oder „Follower“ – Abonnenten in einem sozialen Netzwerk – zu haben. Doch das Problem von fremden Followern, mit denen die Jugendlichen nicht auch im realen Leben befreundet sind: „Man weiß nie, wer wirklich hinter den Profilen steckt“, sagt Gladigau.

Deshalb warnt sie davor, sich alleine mit jemandem zu treffen, den man nur über das Internet kennt – etwas, wovor auch Eltern aus Marburg Angst haben.

Erstes Smartphone meist ab der fünften Klasse

Allgemein haben, laut Gladigau, viele vor allem ältere Jugendliche aber durchaus ein Bewusstsein für die Problematik und würden enge Freunde von Bekannten aus sozialen Netzwerken unterscheiden. Das bestätigt auch die 15-jährige Marburger Schülerin. „Unsere Fotos und Videos posten wir eigentlich eher nur unter Freunden“, sagt sie.

Doch sie kennt ebenso Mädchen, die ihre Profile für jeden im Netz sichtbar eingestellt haben und auf Anfragen von fremden Jungs reagieren. „Je jünger die Nutzer sind, desto eher muss man für Gefahren sensibilisieren“, sagt Gladigau.

Aus diesem Grund bietet das Jugendbildungswerk an mehreren Schulen in Marburg das Projekt „Soziale Netzwerke“ für Fünft- und Sechstklässler an.

Im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren, meist zum Übergang von der vierten Klasse in die weiterführende Schule, bekommen die meisten Kinder ihr erstes Smartphone – und „Whats
App“ gehört für fast alle dazu, sagt die Medienpädagogin. Über die App können neben Textnachrichten auch Bild-, Video- und Ton-Dateien verschickt werden.

Überhaupt kommen allgemein die Apps besonders gut an, über die Fotos und Videos mit anderen geteilt werden können. Neben „Instagram“ wird etwa „Snapchat“ bei Kindern und Jugendlichen immer beliebter.

Möglich ist es bei vielen dieser Apps, das Benutzerkonto auf „privat“ oder „öffentlich“ einzustellen. Doch selbst, wer das Profil nur für „Freunde“ sichtbar macht, steht immer noch vor der Wahl, fremde Kontakte als Freunde anzunehmen – und somit private Fotos oder Videos zugänglich zu machen.

Loverboys suchen sich ihre Opfer häufig im Internet

Was auch möglich ist: Dass sogenannte Loverboys über die sozialen Netzwerke Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufnehmen. Dabei handelt es sich um junge Männer, die eine Liebesbeziehung – meist zu einem jüngeren Mädchen – vortäuschen, um sie später in die Prostitution zu locken.

Mit deren Methoden kennt sich Andrea Hessberger aus, Diplom-Sozialpädagogin vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). „Sie erschleichen sich das Vertrauen der Mädchen und häufig auch der Eltern, indem sie anfangs der perfekte Freund sind – aufmerksam, fürsorglich, gut erzogen.“

Dann folgt die Wendung: Auf einmal tauchen finanzielle Probleme auf – „Nur sie kann ihn retten, indem sie ihren Körper verkauft“, schildert Hessberger den Verlauf der Masche „Liebe und psychische Abhängigkeit“. Unter anderem zu diesem Thema leistet der SkF Präventionsarbeit in Schulen.

Zwar solle keine Panik geschürt und nicht jeder Mann als potenzieller Täter gesehen werden. Aber auch Hessberger verweist darauf, wie wichtig eine Sensibilisierung dafür ist, was gerade jugendliche Mädchen von sich im Netz preisgeben – manchmal auch einfach unwissentlich.

Sie rät Eltern: „Versucht, Kontakt zu euren Kindern zu halten“ – auch wenn es für viele Jugendliche unangenehm ist, über „bestimmte Themen“ zu sprechen, wie die 15-jährige Schülerin bestätigt.

von Simone Schwalm