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Marburg Nabu fordert „mehr Raum für die Lahn“
Marburg Nabu fordert „mehr Raum für die Lahn“
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00:18 01.12.2018
Im letzten Rekordsommer erreichte der Lahnpegel einen neuen Tiefstand. Eberhard Lübbeke vom Nabu Marburg (links) und Biochemiker Udo Becker warnen vor den Folgen für Umwelt, Mensch und Tier. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Wenig Wasser, wenig Sauerstoff, weniger Fische­ und Ufer-Schwund: Nach dem heißen, trockenen Sommer tritt die von Menschenhand verursachte Negativ-Entwicklung der Lahn noch deutlicher hervor als zuvor. Das sieht zumindest der Marburger Naturschutzbund (Nabu) so. Zuletzt erreichte der Wasserpegel der Lahn in Marburg nur knapp die 150 Zentimeter-Marke.

Das hat Konsequenzen, je niedriger der Pegel, desto eher heizt sich das Wasser auf. Der Sauerstoffgehalt sinkt, der Algenwuchs nimmt zu, auch durch vermehrt vorkommende Fremdstoffe im Wasser, erklärt Biochemiker Udo Becker vom Fischereiverein Marburg, der die Entwicklung der Lahn seit Jahren verfolgt.

Er sieht im aktuellen Zustand nur die Spitze des Eisbergs – gerade in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten sei der Fischbestand weniger, das Flussbett tiefer geworden, „viele Flüsse tiefen heute ein, auch dadurch verändern sich die Pegel und stören das Gleichgewicht“, sagt Becker. Ein Grund dafür sei der Eingriff in das Ökosystem, die Veränderung der Flussläufe, etwa Kanalisierung oder Verrohrung, was Verlauf und Tiefe von Gewässern und auch das Leben im Wasser nachhaltig beeinflusse.

Der Fluss spült sich quasi selber aus

Ein Resultat: eine verminderte Fließgeschwindigkeit, sinkender Sauerstoffaustausch, Kies, sogenanntes Geschiebe, könne nicht mehr nachrücken. Der Fluss spült sich quasi selber aus. „Der Grundwasserspiegel sinkt und das nicht nur durch Wasserentnahme – die Einflüsse sind multifaktoriell und der Sommer verschlimmert das Ganze noch, das alles rächt sich heute“, sagt Becker.

Eine Negativ-Entwicklung von Fauna und Flora rund um die Lahn kritisiert auch der Marburger Naturschutzbund (Nabu). Der Verein fordert, „die Ufer neu zu beleben, die Lahn zu ­befreien“, sagt Eberhard Lübbeke, Vorsitzender vom Nabu Marburg. Gründe für ein mangelhaftes Gleichgewicht im Wasser seien zwar lange bekannt, „aber es mangelt an der Umsetzung“, kritisiert der Naturschützer.

Nabu richtet Forderung an Regierung

Zu dem Thema verabschiedeten zuletzt mehr als 100 Landesdelegierte des Nabu eine entsprechende Resolution: Sie erwarten vom Land Hessen sowie der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, die Lahn zu einer „attraktiven und wilden Flusslandschaft“ zu machen. „Wir wünschen uns eine lebendige Fluss­aue, die reich an ­Arten und ­vielfältig an Lebensräumen ist“, erklärt Gerhard Eppler, hessischer Landesvorsitzender des Nabu.

Anlass für den Aufruf ist das von der EU geförderte Projekt „Lila-Living Lahn“, welches Flüsse wieder naturnaher gestalten und attraktiver für Mensch und Tier machen soll. In den nächsten Jahren soll dazu ein Konzept entwickelt werden, um eine Renaturierung der laut Nabu weitgehend kanalisierten und stellenweise stark gestauten Lahn zu fördern.

Renaturierung soll Lahn und Ufer neu beleben

Das Vorhaben startete bereits 2015 und soll bis 2025 laufen. Die Naturschützer pochen auf eine schnelle Durchführung. „Ich halte das Projekt für sehr sinnvoll und hoffe, dass die Maßnahmen auch umgesetzt werden“, sagt Lübbeke. Ein Fokus soll dabei auf der Schaffung von mehr Strömung sowie den Uferflächen liegen, um sowohl Überflutungsflächen wie Lebensräume für Tiere zu schaffen.

Gerade die Flachwasserzonen seien wichtige Brutstätten, etwa zur Laichzeit der ­Fische, während Vögel an den Ufern ihre Nester bauen. Beides schwinde zusehends, heute liege der Fischbestand der Lahn im Vergleich von vor 50 Jahren nur noch bei 20 Prozent, schätzt Lübbeke.

Durch die Kanalisierung der Lahn seien außerhalb der Stadt zudem viele Flächen für die Landwirtschaft trockengelegt worden. Vor allem bei Starkregen würde daher Gülle­ von den Feldern in den Fluss ­gespült. Schadstoffe im Wasser, Fäulnis, verstärktes Algenwachstum und Sauerstoffmangel seien die Folge.

Behörde sieht „allgemeinen Handlungsbedarf“

Der Nabu fordert daher den Rückkauf von Flächen, die Wiederherstellung der Uferbereiche und Altarme. Das Ziel: „Ein Schutzgebiet rechts und links der Lahn, Freiraum und Schutz für Tiere und Pflanzen“, sagt Lübbeke. Darüber hinaus sei eine Anbindung der Lahn an die Auen ein wirksames Mittel gegen Hochwasser, meint Thorsten Haas, stellvertretender Pressesprecher des Regierungspräsidiums Gießen.

Die Obere Wasserbehörde ist ­federführend bei dem Projekt „Lila-Living Lahn“. Generell sei die Qualität der Lahn überwiegend gut, doch gerade in der von der Schifffahrt genutzten unteren Lahn sieht er noch Lücken: „Es gibt allgemeinen Handlungsbedarf, zum Teil bestehen noch erhebliche Mängel“, sagt Haas. Im Bereich der oberen Lahn wären bereits Teile des Projekts umgesetzt worden – etwa eine Verbesserung der Durchgängigkeit.

„Die Gewässer sind aus dem Gleichgewicht“

Ebenso werde an der Wiederansiedelung von bestimmten Fischarten, wie Äsche und Nase, zur Steigerung der biologischen Vielfalt gearbeitet. Der Nabu warnt indes vor einem mangelhaften Gewässerschutz. Die Europäischen Wasserrahmenrichtlinien, die eine umweltverträgliche und nachhaltige Gewässernutzung in Europa beinhalten, würden in ganz Deutschland kaum umgesetzt.

Laut Lübbeke entsprechen gerade einmal acht Prozent der deutschen Gewässer diesen Richtlinien. Naturschutzverbände legten gegen die bundesweit mangelhafte Einhaltung der Richtlinie Beschwerde bei der EU ein. „Die Gewässer sind aus dem Gleichgewicht – das müssen wir dringend ändern und den Wert des Wassers wieder zu schätzen ­lernen“, sagt Lübbeke.

von Ina Tannert 
und Tim Goldau