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Marburg „Allnatalweg“ oder Behringtunnel?
Marburg „Allnatalweg“ oder Behringtunnel?
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00:17 16.02.2019
Ortsumgehungen oder ein Tunnel – wie hier bei Frankenhain an der A 49 – stehen zur Debatte.  Quelle: Archivfoto
Marburg

Elnhausen und ­Haddamshausen. Dagobertshausen und Hermershausen – die westlichen Außenstadtteile stehen seit Wochen wegen der Diskussion um den „Allnatalweg“ samt möglicher Ortsumgehungen im Fokus. In den Vormonaten waren es – wegen der Wohngebiets- samt Verkehrsdebatte – vor allem Marbach und Ockershausen.

Fast der ganze Westen Marburgs ist also von der Frage betroffen, wie der anhaltende Verkehrszuwachs bewältigt werden soll. Wer aus welchen Stadtteilen warum welche Variante bevorzugt:

Richard Kiefer aus dem Ortsbeirat Ockershausen favorisiert eine Art von Westumfahrung – nicht zuletzt wegen der wesentlich schnelleren und günstigeren Umsetzbarkeit. „Die Dörfer, die an dieser Strecke liegen, werden umfahren. Die Bedenken der Menschen respektiere ich, aber ich denke auch, dass das akute Verkehrsproblem solidarisch und demokratisch gelöst werden sollte.“

In Ockershausen würden jedenfalls seit Jahren vor allem kleine Straßen wie Stiftstraße, Bachweg, Zwetschenweg und Hohe Leuchte­ „kollabieren“. Mit den neuen Baugebieten am Hasenkopf und Rotenberg – welchen den Ortsbeirat zugestimmt habe – würde der ohnehin wachsende Verkehr weiter steigen.

„Auch wir Menschen in Ockershausen dürfen einen Anspruch auf Lebensqualität haben“, sagt er. Eine Umgehungsstraße würde da „sicherlich Entlastung bringen“, den Verkehr reduzieren. Autos, ob nun mit fossilem Brennstoff oder mit Elektrizität, würden noch jahrzehntelang das Hauptverkehrsmittel sein. „So ehrlich und realistisch muss man sein.“

„Bleibt nichts anderes, als
 vernünftige Straße zu bauen“

Der Hermershäuser Hans-Peter Fackiner hält wegen des „direkten und kürzesten Wegs“ den Behringtunnel – aber bei Görzhausen und nicht am Hauptwerk Marbach endenden sowie ohne 200 Meter lange Lahnauen-Brücke – für die besser Wahl. Er wolle grundsätzlich die Formel „Arbeitsplätze und Infrastruktur nach Marbach und Michelbach, den rasant anwachsenden Güterverkehr aber bitte durchs Allnatal“ nicht zulassen. Ortsumgehungen müssten wenn „so angelegt sein, dass alle Anlieger profitieren und nicht der Vorteil für die einen zum Nachteil für die anderen wird“.

Radwege hält er dabei allerdings für keine „signifikante­ Entlastung des individuellen Personenverkehrs“, da es wohl nur „zwei Hände voll Radfahrer „gebe, die von außerhalb kommend über Lahnberge oder Marburger Rücken zu den Behring-Standorten fahren.

„Es bleibt nichts anderes, als eine vernünftige Straßenführung auszubauen“, sagt die Marbacher Ortsbeirätin Dr. Barbara Froehlich im Hinblick auf die Schichtdienste und die Tatsache, dass Wohn- und Arbeitsort mehr denn je weit auseinanderliegen können.

Sie favorisiert den Behringtunnel, da er „ohne weiter Umwelt auch noch im Allnatal zu zerstören“ den Behringverkehr direkt auf die Stadtautobahn leite. Das Ganze müsste so geschehen, dass Wehrda „nicht über Gebühr strapaziert wird“ – etwa in Form einer Brücke direkt über die Lahn auf die Stadtautobahn. Die Realisierung von Radwegeverbindungen aus allen Himmelsrichtungen zum Pharmastandort sei „sicher möglich“, aber schon angesichts der Höhenunterschiede bezweifelt sie deren starke Nutzung.

Agnes Kaminski aus Michelbach will die „schnelle Umsetzung“ des Behringtunnels. Dieser würden „den geringsten Einschnitt in die Natur“ bedeuten, der Verkehr würde unterirdisch laufen und trage so zur Entlastung der Stadt bei. Alternative Ideen wären „direkte sinnvolle Werks-Busverbindungen zu den Ortsteilen und angrenzenden Gemeinden“ sowie ein Jobticket für die Mitarbeiter.

Die Standortunternehmen „könnten Anreize zur Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und einer Werks-Bus-Nutzung schaffen“, etwa für Mitarbeiter-Parken Gebühren verlangen. „Das würde den Individualverkehr zumindest aus der näheren Umgebung an den Standort reduzieren“, sagt Kaminski.

Ein gutes Fahrradnetz auch außerhalb der Kernstadt zu haben, sei „sehr wichtig“. Mit der schnellen Verbreitung von E-Bikes wäre die Höhenlage kein Problem, jedoch bedeute ein Radwegeausbau auch, dass die Standortbetreiber dieses „entsprechend unterstützen mit entsprechender Infrastruktur und Maßnahmen sowie Anreizen“.

Nahverkehr muss „echte
 Alternative zu Auto werden“

In Elnhausen bestehe „absolut keine Notwendigkeit, das bestehende Straßennetz derart zu erweitern“, sagt Ortsbeiratsmitglied Philipp Bosshammer. Vielmehr sei eine Sanierung vieler der maroden Außenstadtteil-Straßen nötig. Eine Westumfahrung bringe auch keine Entlastung für irgendeine der fünf bestehenden West-Verbindungsstraßen wie etwa die Graf-von-Staufenberg-Straße.

„Und sicher entlaste ich weder eine Ketzerbach, Marbach, den Rotenberg, die Hohe Leuchte noch eine Ortsdurchfahrt Wehrshausen mit dem Bau eines großen Tegut Markts am oberen Roten­berg“, sagt er. Es müsse ein ­„Zukunfts-Verkehrskonzept“ für den Marburger Westen her, unter Einbeziehung aller Nachbargemeinden und Pharmafirmen – ob ein Behringtunnel „überhaupt notwendig und jemals zu realisieren ist, sollte in diesem Zuge selbstverständlich mit geprüft werden“.

Walter Jung, der in Gisselberg und somit in der Nähe einer möglichen Westumfahrungs-Ausfahrt lebt, spricht sich auch für den Behringtunnel-Bau aus. Der „Allnatalweg“ scheine zu starke Eingriffe in die Natur nötig zu machen. Es müsse aber auch rund um die Behringwerke einen massiven Radwege-Ausbau geben, wofür er und die IKEK-Mobilitätsgruppe vor einem Jahr bereits Vorschläge gemacht hätten.

Mehr noch: Der Nahverkehr müsse ganz anders gestaltet werden, gerade in Bezug auf Taktung und Preise um „eine echte Alternative zum Auto zu werden“.

Birgit Stein, Elnhäuser Ortsbeirätin und Sprecherin der BI „Allnatalweg: Stop“ will weder Westumgehung noch Behringtunnel. „Mir wäre am liebsten, zu versuchen, die Verkehrsprobleme über den Ausbau des Nahverkehrs, eine Zuganbindung des Görzhäuser Hofs, Jobtickets für die Behring-Mitarbeiter, Ausbau des Radwegenetzes mit Förderung von E-­Bikes und weitere Ideen zu ­lösen.“ Der „Allnatalweg“ werde die Marburger Verkehrsprobleme zumindest nicht lösen.

Die CDU, die den Behringtunnel zuletzt wieder ins Spiel brachte, hat zuletzt ihre Anhänger, ihre Facebook-Freunde befragt. Das Ergebnis: 51 Prozent der rund 600 Befragten unterstützten eine Tunnelbau-Prüfung, 49 Prozent lehnen sie ab.

von Björn Wisker