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Marburg Niedrige Pegel, teure Kraftstoffe
Marburg Niedrige Pegel, teure Kraftstoffe
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00:19 04.11.2018
Kraftfahrer Andreas Döll bringt eine neue Treibstofflieferung für die Tankstelle in der Alten Kasseler Straße in Marburg. Teilweise bezieht das Unternehmen Knies + Lagotka Benzin und Diesel derzeit aus Belgien, da die Lager am Rhein nur unzureichend gefüllt sind.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Bei 80 Zentimetern lag der Pegel des Rheins gestern Nachmittag in Bingen – fast 1,30 Meter unter dem Mittel. Immerhin war er damit gegenüber dem Minimum vom vergangenen Samstag um mehr als 30 Zentimeter gestiegen.

„In den nächsten Tagen“, erwartet Bernhard Meßmer, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamts Bingen mit Blick auf die Niederschlagsvorhersagen, „wird er aber wieder sinken.“ Und damit, so ist zu befürchten, werden Heizöl, Benzin und Diesel teuer bleiben – oder noch teurer werden.

Das Niedrigwasser des Rheins führt zu Engpässen und Preisanstiegen bei vielen Tankstellen in Süd- und Westdeutschland.

Um nicht auf Grund zu laufen, können Tankschiffe auf dem Weg vom Ölzentrum Rotterdam flussaufwärts nur noch zu etwa 30 Prozent beladen werden, erklärt Meßmer, dessen Amt unter anderem für die Gewährleistung der Sicherheit sowie die Überwachung und Regelung des Schiffsverkehrs zuständig ist.

Ein Niedrigstand sei nichts Außergewöhnliches, erläutert der Amtsleiter im Gespräch mit der OP, extrem sei die Dauer über mehrere Wochen.

Die Tanklager entlang des größten deutschen Flusses würden deshalb nur unzureichend gefüllt, manche seien gar leer, teilt der Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbands, Alexander von Gersdorff, mit. Folge: Tanklastwagen müssen weitere Fahrten zu anderen Lagern auf sich nehmen.

Tanklastwagen fahren nach Hamburg und nach Belgien

Die Lkw der Mineralölvertriebsgesellschaft Knies + Lagotka aus Marburg, die auch freie Tankstellen mit Treibstoff beliefert, steuern derzeit etwa Depots in Hamburg und in Belgien an, wie Geschäftsführer Richard Lagotka berichtet. „Es ist eine logistische Herausforderung“, sagt er, betont aber auch: Noch sei die Versorgung zu bewerkstelligen.

In Einzelfällen könne es jedoch künftig passieren, dass Tankstellen vorübergehend schließen müssten – wie vereinzelt in Rheinland-Pfalz, aber beispielsweise auch in Waldernbach im Landkreis Limburg-Weilburg bereits geschehen.

Aber nicht nur Tankstellen, auch Heizölanbieter aus der Region klagen aufgrund der Situation über Engpässe, etwa das Unternehmen Mineralöl Döringer aus Marburg. Derzeit könnten noch alle Kunden beliefert werden, versichert Martin Döringer, zuständig für die Heizöl-Sparte.

Dramatischer beschreibt Karl-Friedrich Metz von der Karl Metz GmbH in Sinn bei Wetzlar, zugleich Leiter des Verbands Energiehandel Lahn-Dill, zu dem auch Heizölanbieter aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf gehören, die Situation: „In meiner 40-jährigen Laufbahn sah es noch nie so schlimm aus wie derzeit.“

Um den Engpässen entgegenzuwirken, hat die Bundesregierung in bestimmten Regionen und Bundesländern – darunter Hessen – erlaubt, auf Treibstoff aus den Reserven des Erdölbevorratungsverbands, die es unter anderem am Rhein und in der Nähe des Frankfurter Flughafens gibt, zurückzugreifen.

Metz hält die Maßnahme für sinnvoll, bemängelt jedoch: „Es werden noch viel zu wenige Reserven für Treibstoff freigegeben, für Heizöl gar keine.“ Er erwartet gar eine Verschärfung der Situation.

Es sei vorstellbar, dass bald nur noch bestimmte Treibstoffsorten verfügbar sind, statt Super-E5 beispielsweise lediglich E10. Der Geschäftsführer vom Bundesverband Freier Tankstellen, Stephan Zieger, warnt hingegen vor „unvernünftigen Hamsterkäufen“ mit Kanistern: „Es ist nur ein logistisches Problem. Insgesamt gibt es genug Kraftstoff.“

Automobilclub verweist 
auf gesunkenen Rohölpreis

Der Dieselpreis, der sich im September noch um 1,30 Euro pro Liter bewegte, liegt inzwischen stabil über 1,40, teilweise bei 1,50 Euro pro Liter. Für Super-Benzin zahlen Autofahrer je nach Tageszeit und Tankstelle bereits mehr als 1,60 Euro pro Liter. Beim Heizöl ist die Entwicklung ähnlich.

Döringer, Metz, Lagotka und von Gersdorff sowie Jürgen Fischer, Inhaber der Tankstelle Fischer in Marburg, begründen die Preisanstiege beim Treibstoff und beim Heizöl mit höheren Transportkosten, die an die Kunden weitergegeben werden müssten, um keine Verluste zu erleiden.

Der Automobilclub ADAC hält den „enormen Preissprung“ hingegen für übertrieben und verweist auf Preise am Rohölmarkt, die seit Anfang Oktober deutlich gesunken sind: von umgerechnet etwa 71 auf rund 65 Euro pro Barrel.

   von Tim Goldau 
und Stefan Weisbrod