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Prägnant und intensiv – sehr gelungen!

Gelungene Premiere Prägnant und intensiv – sehr gelungen!

Die Tragödie „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist gilt gemeinhin als unspielbar. Am Freitagabend präsentierte das Studentenensemble „Theaterlabor“ die Adaption von Wolfgang Kindermann.

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Kriegerische Amazonen zeigt das Theaterlabor des Hessischen Landestheaters in „penthesilea_prozess“.

Quelle: Landestheater

Marburg. Penthesilea ist die Königin der Amazonen. In ihrem Staat regieren die Frauen. Männer werden nur zur Fortpflanzung benutzt und danach freigelassen. Männliche Nachkommen werden getötet, weibliche Nachkommen zu neuen Kriegerinnen ausgebildet. Diese Tradition besteht schon seit Jahren und wird nicht hinterfragt. Die einstige Unterdrückung unter Äthiopierkönig Vexoris war der Auslöser. Er ließ alle Männer, Kinder und Greise ermorden und die Frauen vergewaltigen. Dies sollte nach dem erfolgreichen Gegenangriff nie wieder passieren. Aber diese Geschichte ist längst in Vergessenheit geraten. Als Penthesilea auf den Peliden Achilles trifft und sich beide ineinander verlieben, ist das innere Chaos perfekt. Er hat sie im Kampf besiegt, aber sie kann sich ihm nicht ergeben. Bei einem zweiten Kampf stirbt Achilles. Aber was ist passiert? Achilles wollte sich doch ergeben, damit er mit Penthesilea zusammen sein kann. Hat sie im Wahn des Kampfes wirklich ihren Liebsten umgebracht?

Hier erhält das Publikum eine eigene Rolle. Jeder soll selbst ein Urteil fällen: Wer ist Opfer, wer ist Täter? Wer hat Unrecht getan und wer hat Schuld? Warum musste es so weit kommen? Im Gegensatz zu Kleists Original werden dem Zuschauer hier vier mögliche Sichtweisen aufgezeigt. Eine davon entstammt der Mythologie. Welche jedoch die Wahrheit ist, muss jeder für sich herausfinden.

Dem Studentenspielclub „Theaterlabor“, das aus 9 Frauen und 6 Männern besteht, passt das frauenlastige Stück sehr gut. Maria Steffen als Amazonenkönigin Penthesilea und Henning Bakker als Achilles bilden hervorragend die Zerrissenheit ab zwischen dem Stolz eines Kriegers und der Verletzlichkeit Liebender. Der Kontrast zwischen der alten Sprache der Kleist-Prosa und der modernen Alltagssprache in den kommentierenden Szenen ist kaum zu spüren.

Dafür spürt man die Motivation und Begeisterung der jungen Schauspieler, die an manchen Stellen etwas zu laut und etwas zu schnell sind. Der vermeintlich schwere Stoff wird durch kurze, schnelle Szenen und Bezug auf moderne Medien in den kommentierenden Szenen deutlich aufgelockert. Die Bühne selbst ist eigentlich karg. Allerdings wirkt es nicht so. Weil die 15 Schauspieler nicht nur den Raum auf der Bühne, sondern auch den rund ums Publikums nutzen, fühlt sich der Zuschauer im Dunst der Nebelmaschine mitten im Geschehen.

Auch der Österreicher Wolfgang Kindermann, der zur Premiere aus Wien angereist war, fand die Aufführung gelungen. Sie sei spannend, flott, originell und gut gekürzt. Denn auch seine Adaption, die ein gutes Stück kürzer als der Kleist-Text ist, wurde von den Regisseuren Ogün Drendeli und Franziska Knetsch nochmals gekürzt. Die Aufführung zeigt, dass man auch nach über 200 Jahren aus dem Kleist-Drama noch einiges herausholen kann.

von Mareike Bader

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